21. Bluesfest Gaildorf 2009 - Der Samstag - 04.07.2009

Nach einem vorzüglichen Frühstück fuhren wir bereits am Samstagmittag in den Ortskern von Gaildorf wo der Bluesvirus rund um das Schloss schon mächtig im Gange war.

In dem gemütlichen Schlosscafe liessen wir uns zu den groovigen Klängen der KD-Bluesband von dem äusserst freundlichen Service ein bisschen verwöhnen, schlürften eine Melonenbowle (Mann war die bitter, da ist wohl jemand das Wodkaglas ausgerutscht :-), und trafen neben einigen Bandmitgliedern der KD-Bluesband auch Bluesfreunde die von der Idee der BluesRoad begeistert waren.

Beim Betreten des Fesivalgelände auf der Kocherwiese hatten wir das Glück die Chicago Blueser der "Living Chicago Blues History" Show bei ihrem Soundcheck zu erleben. Schon ein Erlebnis mit diesen lebenden "Legenden des Blues" so hautnah zusammenzusein.

Der geniale Bassman der "Chicago Living History Show", Felton Crews , hatte einen Heidenspass während des Soundchecks mit einem Kind, das mit seiner Mutter vor der Bühne stand. Herrlich mit welcher Wärme und Freude der "stämmige" Gitarrenmann mit der Kleinen kommunizierte.

Ein Bluesman mit "butterweichem Herz". Klasse !!

Seitlich der Bühne trieb Lurrie Bell dabei sein uriges "Unwesen" mit den Tontechniker, dass ich zeitweise laut lachen musste. Der Kerl hat einen kernig, deftigen Humor und schien sich in Gaildorf richtig prächtig zu fühlen. Den Burschen hab ich sofort in mein Herz geschlossen.

Genau so stellte ich mir immer einen echten Chicago Bluesman vor und jetzt erlebte ich es in real und Technicolor :-))) Wunderbar !!!

Johnny Iguana, der First Class Keyboarder der "Chicago Mannschaft" gab ebenfalls beim Soundcheck schon mal eine Kostprobe seiner Virtuosität an den Tasten und vermittelte uns einen kleinen, bleibenden Eindruck von dem, was uns am Abend erwarten sollte.

Der Mann hat schon bei "Cracks" wie Junior Wells, Eddie Shaw, Otis Rush, Billy Branch oder Koko Taylor in die Tasten gehauen und wenn man ihm zuhört, dann weiss man auch warum.

Dann war es endlich soweit und der 2. Tag dieses 21. Bluesfest in Gaildorf startete mit "funkigem" Zydeco.

Dwayne Dopsie & The Hellraisers war angesagt.

Dwayne, der Sohn der Zydeco Legende "Rockin Dopsie", der vom Körperbau her, dem Schwarzenecker der frühen Jahre in nichts nachstand mit seiner Truppe, legte sich dann auch von Beginn an mächtig ins Zeug.

Was er an seinem Akkordeon an Virtuosität bot war schon sehr beeindruckend und begeisterte das Publikum vom Start weg.

Party war angesagt. !!

Die Jungs auf der Bühne sprühten vor Spielfreude und liessen das Publikum nicht zum Verschnaufen kommen. Wer diese Musikrichtung liebt kam voll auf seine Kosten und konnte sich austoben. Das taten einige dann auch :-)

Einen kleinen Eindruck davon gibt es auch schon bei YouTube.

Dwayne Dopsie & The Hellraisers  in Gaildorf bei You Tube

 

 

Schweisstreibende Action beherrschte die Bühne und die Band zeigte mit Carl Landry am Saxophon, Dion Pierre am Bass, Shelton Sonnier an der Gitarre, Calvin Sam an den Drums und einem wie entfesselt aufspielenden Alex McDonald am Washboard in welchem Gewand der moderne Zydeco der 2. Generation daherkommt.

Mir persönlich war das Ganze ein kleines bisschen zu viel auf Show getrimmt und die immer wiederholten Anpreisungen der neuen Cd, die man beim Kauf auch signieren würde ( sowas halte ich bei Events dieser Art für selbstverständlich) ,nervten mich.

Die in Scharen vor der Bühne versammelten Besucher sahen das völlig anders und jubelten ohne Ende, gingen voll mit. und brachten das Festivalgelände schon beim Auftakt dieses 2. Tages auf die richtige Betriebstemperatur.

Es sei ihnen von Herzen vergönnt.

Dieser Alex McDonald verrichtete einen "Knochenjob" und beackerte sein Washboard im Formel1 Tempo bis zur Verausgabung. Der Mann war zeitweise total ekstatisch unterwegs und gab den rasenden Akkordeonklängen seines "Meisters" eine zündende Backline.

Was man an so einem Ding an Rhythmus und Effekten rausholen kann war mir bis zu diesem Tag ein Buch mit 7 Siegel.

Mr. McDonalds beherrschte sein Wellblech meisterhaft.

Kompliment !

Dichtgedrängt standen die Zuhörer vor der Bühne und forderten lautstark ihre Zugaben, die sie auch bekamen.

Es wurde getanzt und manche standen schon um 19:00 Uhr auf den Bänken und feierten mit den Hellraisers deren Zydeco.

Dwayne Dopsie erwies sich nach seinem Auftritt bei einem kurzen Gespräch übrigens als sehr angenehmer Zeitgenosse und schien sehr zufrieden mit den Gaildorfer Organisatoren des Festivals und natürlich mit seinem Publikum, das ihn feierte.

Tja und dann kam der Mann auf dem ich mich im Vorfeld des Bluesfestes ganz besonders gefreut hatte:

Coco Montoya

Hatte er schon bei seinem gestrigen Solo zusammen mit Shakura S`Aida gezeigt in welch "himmlische Sphären" er einen mit seine Gitarre hineinspielen kann, so bewies er das ein um das andere Mal an diesem Abend bei seinem Auftritt.

Ob richtig fetzender Bluesrock oder Full Emotion beim Slowblues, ich kanns euch sagen: Der Mann weiss was er da tut und was er tut, das macht er mit einer Perfektion ohne dabei die Seele zu vergessen, die so manchem Gitarrenhero abhanden gekommen ist..

Es war um es treffend zu beschreiben:

Wunderbar !!!!

Billboard schrieb mal über ihn ich zitiere:

"In einer Welt von Blues-Gitarren-"Posern" ist Coco Montoya sozusagen "der wahre Jakob". Rechnet damit, Euch Brandblasen zu holen!”

Ende des Zitats, das ich voll unterschreiben kann, nachdem ich ihn gesehen und vor allen Dingen gehört habe !

 

Es ist eine ganze Weile her, dass er in unseren Landen getourt hat, um so schöner dass ihn die Gaildorfer für dieses Festival verpflichten konnten.

Nun ist er bei Ruf Records unter Vertrag und wie mir Thomas Ruf erzählte, wird sich dadurch auch wieder die Gelegenheit ergeben diesen fantastischen Gitarrenmann öfters in unseren Gefilden erleben zu dürfen.

Tut euch ein Konzert mit Montoya an wenn er in euerer Nähe ist, ihr werdet es nicht bereuen !!

Das verspreche ich euch.

Auf YouTube gibt es auch schon was davon:

Coco Montoya in Gaildorf 2009

Seinen Auftritt hätte man dramaturgischer nicht besser inszenieren können.

Von Titel zu Titel steigerte er sich und spielte den Gaildorfer Bluesfestbesuchern "die Sterne vom Himmel". Die Festivalgemeinde war hin und weg !

Mit dem tollen Nate Brown am Bass, einem wunderbaren Brant Leeper am Keyboard und Randy Haynes an der druckvollen "Groovemachine" hatte er zudem eine Band mitgebracht die sowohl bei den funkigen, rockigen Nummern als auch bei Cocos einfühlsameren Stücken wusste wo sie "Gas geben kann" oder sich zurückhalten muss.

Das passte einfach !

In einem Finale Furioso, mit einem Solo der einem das Herz stillstehen liess und sich in dich bohrte, hinterliess er eine frenetisch jubelnde Menge an Bluesjüngern die fast nicht zu beruhigen waren, vor Begeisterung.

Er erzählte unter anderem von seiner Zeit zusammen mit Walter Trout bei den Bluesbreakern und ich beneidete alle die ihn in dieser Zeit gesehen und gehört hatten.

Die beide zusammen in einer Band, das muss der bluesiastische Overkill gewesen sein !

Man müsste mich eigentlich teeren und federn, dass ich den Blues nicht früher für mich entdeckt habe !!!! Mir ist sooo vieles entgangen! Mannohmann !!!!

Meinen Wunsch nach einem Foto zusammen mit Coco Montoya erfüllte mir schliesslich Thomas Ruf, der auch auf den Auslöser drückte.

Statt mich in all meiner Schönheit abzulichten, drückt der Kerl ab als ich das schwere Maul sperrangelweit aufreisse :-))

Coco hat es nicht weiter gestört.

Vielen Dank Thomas, du hast was gut bei mir !

Foto: Steffi B.

The Chicago Living History

Um ehrlich zu sein, das war eigentlich, neben Coco Montoya, der ausschlaggebende Grund, dass ich die paar hundert km Anreise nach Gaildorf auf mich genommen hatte und um es im Voraus zu sagen:

Ich habs nicht bereut !!!

Da kommt eine Truppe on Stage, bei deren Namen schon die Augen eines jeden Bluesliebhaber zu glänzen beginnen und schon bei den ersten Tönen stellt sich eine Gänsehaut auf der man Kokosnüsse raspeln könnte.

Die bräuchten eigentlich gar nicht die etwas effekthascherischen Ansagen eines Matthew Skoller, der übrigens auch eine tolle Bluesharp spielt.

. Jeder Einzelne der Truppe hat in unzähligen Auftritten in ihrer "Windy City" den Chicago Blues der Nachkriegszeit mitgeprägt und dann auch später in die ganze Welt exportiert.

Dass sie dies auch an diesem Samstag in Gaildorf tun und ich es miterleben darf, dafür bin ich sehr dankbar.

Keine vordergründigen Showmätzchen, keine sensationellen technokratische Kunstücke, sondern sie spielen ihren Blues wie sie es all die Jahrzehnte getan haben.

Und Leute:

Das ist es !!!!! That`s Blues

Oh Mann war das schön !!!

Das Publikum raste vor Begeisterung.

 

Ob John Primer, Billy Branch, Billy Boy Arnold, oder der "absolute Kracher" Lurrie Bell, keiner "machte Gefangene" :-) Sie bekamen ihr Publikum vom ersten Moment an in den Griff.

Dazu eine Backline mit Kenny "Beady Eyes" Smith , dem Sohn von Muddy Waters Drummer Willie ‘Big Eyes’ Smith, an den Drums, Billy Flynn an der Gitarre, Johnny Iguana an den Tasten und einen fantastischen Felton Crew am Bass, die einem das Wasser im Mund zusammenlaufen liess.

Felton Crew spielte übrigens eine sechsaitige Bassgitarre die ich noch nie vorher gesehen hatte. Es handelt sich dabei um eine mit seinem Namen versehene "Felton Crews –Crews Missile 6 Bass", der japanischen Gitarrenschmiede PGM.

Auch vor Chicago machen die Burschen nicht halt :-)

Foto: Steffi B.

Foto: Steffi B.

Was wir mittags im kleinen Kreis schonmal beim Soundcheck hörten, brachte Billy Boy Arnold dann bei seinem Auftritt so rüber, dass er dafür einen gigantischen Applaus einheimste.

Da passte alles, die Stimme, die Harp und das Feeling !!

Besonders angetan war ich von John Primer. Sein Gitarrenspiel und sein Gesang ist vom Allerfeinsten. Schade dass ich kein vernünftiges Foto von ihm machen konnte, aber da war kein Durchkommen ;-) Verständlich!

Billy Branch an der Harp ist auch so eine Institution für sich. Sein Zusammenspiel mit Primer war perfekt und machte die Sache richtig rund.

Und als dann das "Unikum" Lurrie Bell die Bühne betrat gabs kein Halten mehr.

Ich sag euch der hat was !! Ich kann es kaum beschreiben aber der hat den Blues bis über beide Ohren gefressen und das dringt aus jedem Zipfel seiner Persönlichkeit.

War der immer schon im oberen Drittel meiner persönlichen Beliebtheitsskala angesiedelt, so hat er nachdem ich ihn kennenlernen durfte einen Raketenstart an die Spitze vollbracht.

Und wie ich ihn einschätze wird er sich dort sauwohl fühlen :-))))))))))

Nach dem Auftritt absolvierten die Männer mit einer Engelsgeduld ihre Autogrammstunde und liessen sich auch nicht von Menschen, die ganze Fotoalben und Vinylsammlungen (ich find sowas schrecklich) zum unterschreiben anschleppten, in die Flucht jagen.

Ich bedankte mich nochmal bei ihm und wir hatten noch ein bisschen Spass zusammen und haben viel gelacht.

Den hätte ich gerne mit nach Hause genommen, aber die Blueswelt braucht ihn noch :-)))))))))))))

Ein Dankeschön an die Organisatoren des Bluesfest Gaildorf, dass sie uns dieses Erlebnis bescherten.

Auch hier einen kleinen Eindruck auf YouTube

Chicago in Gaildorf 2009

Spät war es geworden und ein Topact, nämlich Bernard Allison stand der Festivalgemeinde noch bevor, um das Fest so richtig rundzumachen.

Die Stimmung war ausgelassen und viele, die schon seit Mittag rund um den Blues unterwegs waren, zeigten kaum Ermüdungserscheinungen.

Der Sohn des legendären Luther Allison nahm dann auch ohne Umschweife das Heft in die Hand und bot seinem Auditorium eine richtig fette Show.

Im Laufe der Jahre hat sich Bernhard immer mehr aus dem übergrossen Schatten seines Vaters herausgespielt und zählt mittlerweile zu den angesagtesten Künstler die im Bluesbussiness "en vogue" sind.

Mit Michael Goldschmidt an der 2. Gitarre, Jose James am Sax, Jassen Wilber am Bass, Erick Ballard an den Drums und Bruce McCabe an den Tasten hatte auch er eine hervorragende Band zur Seite, die die Richtung vorgab in der Bernard seine Sologitarre zelebrieren konnte dass es eine Freude war.

Vom Äusseren her zu seiner Zeit mit "Schlangenhut", ich erkannte ihn fast nicht auf den ersten Blick, verändert, ist sein exzellentes Gitarrenspiel und seine Fähigkeit mit dem Publikum während seiner Show humorvoll zu kommunizieren, Teil seiner Auftritte geblieben.

So auch an diesem Abend in Gaildorf, wo er nach 2 Tagen besten Blues einen würdigen Abschluss auf die Bretter legte.

Es ging nochmal "volle Pulle zur Sache" und das Publikum nochmal aus sich raus, bevor das 21. Bluesfest in Gaildorf, mit seinem wirklich hervorragenden Line Up, zu Ende ging.

2 Tage, in denen dem Bluesfreund/in in fast jedem Genre des Blues Erstklassiges geboten wurde, mit einigen Highlights die zu den Sternstunden von vielen Livejüngern des Blues gehören dürften und die ihren Teil dazu beitragen werden, den Blues noch eine lange lange Zeit am Leben zu erhalten.

Dafür gehört den Gaildorfern unserer aller Dank.

Bernhard Allisson in Gaildorf

Was die ganze Organisation angeht, gibts nichts zu meckern.

Viele freiwillige Helfer aus dem Vereinsleben der Stadt, vom Fischerverein bis zum türkischen Arbeiterhelferverein war alles im Einsatz, gaben sich alle Mühe die Besucher des Festivals zufriedenzustellen und das ist ihnen auch bestens gelungen.

Die Bewirtung war einwandfrei und das Angebot an sehr schmackhaften Speisen von Spätzle über Döner bis zur Bratwurst und Kaffee und Kuchen mehr als lecker.

Hungern und dursten musste keiner :-)

Kompliment für ein traditionsreiches Bluesfestival das in dieser Form sicher noch die nächsten Jahrzehnte die deutsche "Bluesgemeinde" mit den "Juwelen des Blues" versorgen wird.

Gaildorf war die Reise mehr als wert !

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