Informationen
für Patienten und Angehörige
schizophren erkrankter Menschen
![]()
Erstellt im Rahmen des Weiterbildungslehrgangs:
Fachschwester/Fachpfleger für Psychiatrie 1995-1997
an der
Rhein-Mosel-Fachklinik-Andernach
Dozent: Holger Thiel
Referent: Hans Jürgen Netz
![]()
1 Ursachen schizophrener Psychosen
![]()
Literatur zum Thema Schizophrenie gibt es beinahe wie Sand am Meer. Das Angebot ist vielfältig, leider auch unübersichtlich. Für Betroffene und Angehörige ist eine informative Aufklärung ein erster Schritt die Erkrankung zu verstehen, mit ihr umzugehen und zu leben.
Diese Broschüre soll dabei
helfen, sich mit der Erkrankung aktiv auseinanderzusetzen. Nötig ist hierzu ein
Mindestmaß an Information zu den Bereichen:
Woher kommen Vorurteile?
Leider besteht heute noch in
vielen Kreisen der Öffentlichkeit ein verbreitetes Mißtrauen gegenüber schizophren
erkrankter Menschen. Das resultiert daraus, daß von allen Menschen eine Verständlichkeit
ihrer Motive und eine absolute Verläßlichkeit ihres Verhaltens erwartet wird. Die
Erkrankten werden häufig als unberechenbar, unzuverlässig und sogar als gefährlich
angesehen
Das Gesicht psychiatrischer Kliniken hat sich geändert
Der schlechte Ruf psychiatrischer Einrichtungen aus früheren Zeiten, wo Erkrankte über lange Zeit untergebracht wurden, trägt heute noch zu Bedenken gegenüber diesen Institutionen bei. Der überwiegende Teil akut schizophren erkrankter Menschen bedarf nur noch eines vorübergehenden klinischen Aufenthaltes mit wirksamen Behandlungsmethoden. Dauerte die stationäre Behandlung vor der Einführung wirksamer Medikamente durchschnittlich 6 - 9 Monate, sind es heute 4 - 6 Wochen.
Der Begriff der Schi;zophrenie,
der früher immer mit einem ungünstigen Krankheitsverlauf oder gar mit der Berentung
verbunden wurde, hat heute keine Gültigkeit mehr.
Was bedeutet der Krankheitsbegriff "schizophrene Psychose"?
Das Wort schizophren kommt aus dem Griechischen und heißt übersetzt Spaltung der Seele. Damit ist nicht die Spaltung des Menschen in zwei Persönlichkeiten gemeint, sondern es beschreibt die Tatsache, daß schizophren Erkrankte zwei Wirklichkeiten kennen und empfinden. Sie erfahren Dinge, nehmen Sinneseindrücke wahr, die Gesunde nicht nachvollziehen können. Das Vorhandensein von zwei nebeneinander stehenden Wahrnehmungswelten wird also mit dem Begriff schizophren umschrieben.
Der Begriff Psychose wurde im 19. Jahrhundert geprägt und leitet sich von dem Wort psychisch, d.h. mit der Seele zusammenhängend, also seelisch, ab.
Betroffen ist das Denken, Wollen und Fühlen, wodurch der Bezug zur Wirklichkeit, die Einsichtsfähigkeit sowie die Fähigkeit, mit den alltäglichen Lebensanforderungen zurechtzukommen, erheblich gestört wird.
Mit großer Wahrscheinlichkeit steht fest, daß dafür keine isolierte Einzelursache verantwortlich gemacht werden kann. Die Fachpresse spricht von einer multifaktoriellen Genese, d.h. zahlreiche unterschiedliche Einflüsse sind von Bedeutung. Die verschiedenen Faktoren können bei jedem Betroffenen von ganz unterschiedlicher Bedeutung sein.
Ganz allgemein besagt dieses Modell, daß die Außenhaut der Seele, das sogenannte Nervenkostüm, nicht bei allen Menschen gleich stabil ist, daß es wohl einige Menschen gibt, die eine besondere dünne Außenhaut haben. Psychisch belastende Umstände in der lebensgeschichtlichen Entwicklung, wie beispielsweise der Verlust eines nahestehenden Menschen, Stress durch eine Prüfung, Kontaktstörungen und damit verbundene Isolation, tragen zu einer kritischen Grenzüberschreitung der Verletzlichkeit bei.
Beim Zusammentreffen vieler ungünstiger Ereignisse kann es zu einer akuten Überforderung der nervlichen Belastbarkeit kommen.
Die empfindliche Außenhaut wird
überstrapaziert und das Nervenkostüm reißt ein, so daß es zum Ausbruch einer
schizophrenen Psychose kommen kann.
Kritisch belastend sind:
In der Verwandtschaft schizophren
erkrankter Menschen können weitere Fälle von schizophrenen Psychosen vorkommen. Der
Einfluß der Vererbung kann nur als eine Teilbedingung der schizophrenen Verletzlichkeit
angesehen werden.
In jedem Falle wird nur die Veranlagung vererbt, nicht die Schizophrenie selbst.
Eine erhöhte Verletzlichkeit (unter Punkt 1.1 beschrieben), sowie körperliche und lebensgeschichtliche Einflüsse können zu einer Störung im Gehirnstoffwechsel führen (Überschuß des Überträgerstoffes Dopamin). Bei einer akuten schizophrenen Psychose liegt dann eine schwere Entgleisung dieses Überträgerstoffes Dopamin vor.
Die häufigste Schizophrenieform ist die paranoid-halluzinatorische Schizophrenie. Hierbei hat der Erkrankte meist das Gefühl verfolgt und/oder bedroht zu werden ohne sich dagegen wehren zu können. Diese Überzeugung ist in der akuten Krankheitsphase vom Erkrankten nicht korrigierbar. Alltägliche Dinge die sich um ihn herum ereignen bezieht der Erkrankte auf sich. In diesem Falle spricht man von wahnhaftem Erleben (Beziehungswahn).
Zusätzlich können Stimmen
gehört werden. Diese können z.B. über den Erkrankten reden, Befehle erteilen etwas zu
unterlassen, zu unternehmen, oder einfach jegliches Handeln des Patienten kommentieren.
Die Fülle von Erlebnissen ruft häufig große Angst, Fassungslosigkeit und starkes
Mißtrauen aus.
Die hebephrene Schizophrenie
beginnt meist zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr. Der Erkrankte wirkt unbekümmert,
frohgelaunt und heiter ohne sich dabei wirklich freuen zu können. Die Gefühle sind
gestört. Das Denken ist beschleunigt und dem Inhalt der Ideen ist schwer zu folgen. Der
Erkrankte lebt oft ziel - und planlos.
Die katatone Schizophrenie teilt man in zwei gegensätzlich aussehende Krankheitsbilder, die einzeln oder auch wechselnd auftreten können.
Treten neben
paranoid-halluzinatorischen Symptomen auch starke Stimmungsschwankungen auf, spricht man
von einer schizoaffektiven Psychose. Die Stimmungsschwankungen können hierbei sowohl in
Form von unangepaßt heiterer als auch depressiver Stimmung sein.
Eine eher seltene Verlaufsform ist die Schizophrenia simplex. Diese Verlaufsform entwickelt sich langsam und über einen längeren Zeitraum. Der Erkrankte verändert sich im persönlichen Verhalten, wie z.B. deutlicher Interessenverlust, Müßigkeit und einem sozialen Rückzug, er distanziert sich ohne erkennbare Gründe von der Familie. Zu dem Zeitpunkt, an dem dieses Verhalten bemerkt wird, liegt der Erkrankungsbeginn meist um Jahre zurück. Symptome, wie bei den vorbeschriebenen Verlaufsformen werden nur selten gesehen.
Die wichtigsten Symptome einer schizophrenen Psychose:
Die krankhafte Veränderung des Denkens kann sich zum einen beim formalen Ablauf der Gedanken zeigen. Der Erkrankte berichtet beispielsweise von "Gedankenabreißen" (beschrieben wird das Gefühl, daß mitten im Erzählen ein Gedanke plötzlich weg ist). Ist das Denken beschleunigt, fällt das dem Erkrankten häufig selbst nicht auf. Steigert sich das beschleunigte Denken bis zur Denkzerfahrenheit, kann man kaum einer Beschäftigung nachgehen. Ist das Denken gesperrt oder gehemmt, wirken die Erkrankten als ob sie sich im Gespräch nicht auf den Inhalt konzentrieren könnten. Das wird vom Erkrankten oft als Defizit empfunden.
Mit dem inhaltlich
gestörten Denken ist die Vielfalt der Wahngedanken und Wahnideen gemeint. Das in der
Öffentlichkeit belächelte Beispiel des Patienten, der sich als Napoleon oder Jungfrau
Maria fühlt, ist dabei nicht obligatorisch. Vielmehr ist es oft der wahnhafte Gedanke,
verfolgt, vergiftet und von Verwandten oder durch Geheimdienste bedroht zu werden.
Mit akustischen Halluzinationen bezeichnet man das Hören nicht vorhandener Stimmen und Geräusche. Diese Stimmen können die verschiedensten Eigenschaften besitzen. Sie können bekannt oder unbekannt sein, von Toten oder Lebenden, freundlich oder bedrohlich. Sie können kritisieren "Wie siehst du denn aus", beschimpfen "Du Versager", bedrohen "Gleich passiert dir etwas", loben, "das hast du toll gemacht". Betroffene können sich mit den gehörten Stimmen unterhalten. Die Stimmen können jegliches Handeln kommentieren.
Eine große Gefahr geht von den
Befehlsstimmen aus "Du darfst nichts mehr Essen", oder "Spring aus dem
Fenster".
Bei den Störungen des Ich-Erlebens fühlt der Erkrankte sich im Denken, Handeln und Fühlen von Außenkräften gesteuert und beeinflußt. Die Grenzen zwischen dem eigenen Ich und der Umwelt erscheinen durchlässig.
Auf das Denken bezogen, kommt es zu Gedankenentzug und Gedankeneingebung (häufig mittels Hypnose beschrieben). Verantwortlich machen die Betroffenen meist eine fremde, übermächtige Institution, wie Behörden oder fremde Wesen aus dem Weltall, die sich modernster Techniken bedienen.
Bei Beeinträchtigungen des
Fühlens werden Teile des eigenen Körpers verändert wahrgenommen.
Das gesehene Objekt und das gesprochene oder gelesene Wort wird wahnhaft umgedeutet. Beispielsweise kann eine an sich harmlose Wahrnehmung, wie ein Mann auf einer Parkbank, als bedrohlich umgedeutet werden "der Mann ist ein Spion, der will mich töten". Ein Artikel in der Tageszeitung könnte zu einer schlimmen Prophezeihung werden.
Weitere Wahrnehmungsstörungen
sind eine Überempfindlichkeit gegenüber Gerüchen, Geräuschen und Berührungen. Die
Sinneseindrücke werden intensiver empfunden, oft als lästig, unangenehm und quälend.
Beim Antriebsmangel fehlt der Spontanantrieb. Das zeigt sich in Trägheit, Interessenlosigkeit und Gleichgültigkeit. Nicht zu vergessen sind damit verbundene körperliche Störungen wie Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Verminderung von Libido und Potenz, sowie eine reduzierte Flüssigkeitsaufnahme mit allen gesundheitlichen Folgen.
Bei der Antriebssteigerung ist der Spontanantrieb verstärkt. Der Erkrankte ist lebhafter als sonst, rastlos, getrieben, spricht schneller, scheint nie müde zu werden. Verbunden ist dies häufig mit verstärkter Unruhe, leichter Erregbarkeit und der Neigung zu aggressiven Durchbrüchen.
Die medikamentöse Therapie bedient sich der sogenannten Psychopharmaka.
Sie werden eingeteilt in:
Neuroleptika
Neuroleptika sind Medikamente zur Behandlung psychotischer Symptome, die alle eine antipsychotische Wirkung haben. Die Einteilung der Neuroleptika erfolgt nach Wirkungsart und Wirkungsstärke. Jeder schizophren Erkrankte braucht eine für ihn individuelle Dosis. Bei der Dosierung der Neuroleptika gilt stets der allgemeine Grundsatz:
"Soviel wie nötig, so wenig wie
möglich!"
Tranquilizer
Eine Angstminderung und Dämpfung übermäßiger Erregung sind die wichtigsten Wirkungen.
Es besteht eine
Abhängigkeitsgefahr bei längerer Einnahme.
Antiparkinsonmittel
Zur Behandlung von unerwünschten
Wirkungen durch Neuroleptika.
Antidepressiva
Neben der depressionslösenden
Wirkung haben diese Medikamente noch eine erwünschte aktivierende oder beruhigende
Wirkung auf den Antrieb.
Lithium-Salze und Carbamazepin
Kommt zu einer schizophrenen
Symptomatik eine Steigerung des Antriebes hinzu, kann dieser mit Lithium- oder
Carbamazepinpräparaten abgeschwächt werden.
Psychotherapeutische Behandlungsansätze lassen sich in Anlehnung an das Verletzlichkeits-Stress-Modell in 2 Strategien unterteilen:
Verhaltenstherapien haben sich bei schizophren erkrankten Menschen bewährt und sollten Bestandteil jedes Behandlungskonzeptes sein. Schon kurz nach Abklingen der akuten schizophrenen Psychose kann eine Teilnahme an einer psychoedukativen Gruppe sehr hilfreich sein. Dort werden Informationen über die Erkrankung, Entstehung und Verlauf vermittelt. Darüber hinaus wird über mögliche Behandlungsverfahren und die Bedeutung der Rückfallvorbeugung gesprochen.
Im Hinblick auf die Vermeidung
von Rückfällen wird der Erkrankte geschult, Frühsymptome zu erkennen und Möglichkeiten
zur Bewältigung (Krisenplan) zu entwickeln.
Weitere psychotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten:
Der Sozialdienst steht als Berater für folgende Bereiche zur Verfügung:
Die soziotherapeutischen Behandlungsmaßnahmen nehmen einen positiven Einfluß auf die "sozialen Gegebenheiten", d.h. vor allem die zwischenmenschlichen Beziehungen und die unmittelbare Umgebung des Erkrankten. In den Bereichen Arbeit, Wohnung, Freizeitgestaltung usw. werden lebenspraktische Maßnahmen in Alltagssituationen so "umorganisiert" und begleitet, daß sich der Erkrankte trotz zeitweiser krankheitsbedingter Einbuße seiner Lebensqualität wieder wohl fühlen kann. Verlorengegangene Fähigkeiten und Talente werden gefördert.
Eine schrittweise
Wiedereingliederung in seine Wohn- und Arbeitswelt wird gemeinsam vorbereitet.
Unter ergotherapeutischen Maßnahmen werden alle Tätigkeiten zusammengefaßt, die mit einer handwerklichen Beschäftigung zu tun haben.
Der Erkrankte hat die Gelegenheit individuell, trotz möglicher Konzentrationsstörungen oder fehlendem Durchhaltevermögen, sich entweder mit künstlerischem Gestalten oder ganz einfachen Dingen zu beschäftigen.
In der Beschäftigungstherapie werden dem Erkrankten verlorengegangene Bedürfnisse und Wünsche näher gebracht. Die Arbeit in Gruppen trainiert das soziale Verhalten, er lernt wieder, sich mit seinen Mitmenschen auseinanderzusetzen und wird von der Krankheit abgelenkt.
Angeboten werden beispielsweise
Töpfern, Modellieren, Handarbeiten, Batiken, Seiden-malerei, Stricken, Weben, Nähen,
Flechten, Holzarbeiten, Gesellschaftsspiele.
Die Arbeitstherapie ist ein allmähliches Belastungstraining und dient zur Vorbereitung auf den Wiedereinstieg in den beruflichen Alltag.
Nach individuellen Bedürfnissen
wird eine geeignete Therapie angeboten. Die Leistungsfähigkeit und Leistungsgrenzen
werden trainiert und gemeinsam festgelegt durch Sortieren, Montieren, Fertigung,
Ablegearbeiten, Botengänge, Mitarbeit in der Gärtnerei, Holzverarbeitung,
Mechanikertätigkeit, Bürotätigkeit, Weben, Stuhlflechten.
Die Sporttherapie hat das Ziel, eingeschränkte Bewegungsfunktionen wiederherzustellen. Von großer Bedeutung ist hierbei für den Erkrankten sein "Zurechtkommen" in der Gruppe und die Motivation zur Bewegung. Es kommt also nicht auf die sportliche Leistung an.
Durch die therapeutischen
Bewegungen soll das Vertrauen in den eigenen Körper und die Körperwahrnehmung
wiedergewonnen werden.
Im Krankheitsverlauf können sich die Bedürfnisse des Erkrankten ändern, die Behandlung muß flexibel und die Dauer der Therapie individuell sein.
Ziel der Behandlung ist das Ordnen von Denken und Wahrnehmung, Beruhigung übermäßiger Erregung und Schutz vor dem erneuten Auftreten einer akuten schizophrenen Psychose.
Die Behandlung sollte keinem, an einer akut schizophrenen Psychose Erkrankten vorenthalten werden, da die Vorteile einer Behandlung überwiegen durch:
Psychopharmaka sind kein Allheilmittel. Erst das gemeinsame Wirken von medikamentöser Therapie, Psychotherapie, Beratung und Rehabilitation steigern die Chancen auf Erfolg.
Die am häufigsten sichtbaren unerwünschten Wirkungen sind Steifigkeit und Unbeweglichkeit der Muskulatur, starker Bewegungsdrang mit dem Gefühl nicht sitzen oder auf einer Stelle stehen zu können, Muskelkrämpfe im Bereich Zunge, Schlund und Augen, Zittern vor allem in den Händen.
Die Behandlung dieser unerwünschten Wirkungen sind:
Störungen der Hormonregulation, mit für die Erkrankten feststellbaren Beschwerden, wie Abnahme des sexuellen Verlangens, Zyklusstörungen und Absonderung von Milch aus den Brustdrüsen bei Frauen, Potenzstörungen beim Mann.
Behandlung der unerwünschten Wirkung durch:
Weitere unerwünschte Wirkungen sind Blutbildveränderungen, Herz-Rhythmusstörungen und Störungen der Leberfunktion.
Kontrolle der unerwünschten Wirkungen durch:
Unerwünschte Wirkungen können leicht bis sehr unangenehm empfunden werden, sind jedoch nicht bedrohlich. Werden sie rechtzeitig erkannt und entsprechend behandelt, sind heftige unerwünschte Wirkungen gut zu vermeiden.
Ist die Dosierung der Neuroleptika zu hoch, so fällt im Gehirnstoffwechsel die Weiterleitung von Reizen durch den Mangel an Überträgerstoffen (Dopamin) ab. Der Erkrankte fühlt sich sehr gedämpft, "wie betäubt" und energielos.
Ist die Dosierung der
Neuroleptika zu gering, so besteht weiterhin eine Überschuß an Überträgerstoffen. Der
Erkrankte kommt nicht zur Ruhe. Eine exakte Dosierung auf Anhieb zu finden ist sehr
schwierig.
Viele Erkrankte werden durch die Nebenwirkungen der Neuroleptika stark verunsichert und abgeschreckt. Ohne entsprechende Informationen über die Hintergründe der Erkrankung und die Wichtigkeit der Rückfallschutzbehandlung kann man nicht erwarten, daß Erkrankte sich diese Nebenwirkungen ohne weiteres aufbürden lassen.
Risiken bei fehlender Krankheitseinsicht:
Alltagserfahrungen haben gezeigt, daß auch sehr gewissenhafte Menschen die regelmäßige orale Einnahme nicht gewährleisten können.
Die dabei entstehenden
Schwankungen des Wirkstoffspiegels im Blut tragen zu einem "Auf- und Abflauen"
der unerwünschten Wirkungen bei. Dies wird oft als sehr unangenehm empfunden. Die
Neuroleptika werden als "Depot" (Vorratspeicher) in einen Muskel gespritzt.
Dieser "Vorrat" reicht je nach Präparat 1-4 Wochen lang.
Die Vorteile eines Depotpräparates sind:
Als Nachteil wird empfunden:
Vor allem wegen der erlebten unerwünschten Wirkungen unterbrechen viele Erkrankte gelegentlich für einige Tage die Neuroleptika-Behandlung oder setzen die Medikamente ganz ab. Er fühlt sich dann in vielen Fällen sofort besser, weil die Nebenwirkungen sehr schnell zurückgehen.
Die Wirkung der Medikamente nimmt
langsamer ab als die unerwünschten Wirkungen. Absetzen und unregelmäßige Einnahme der
Neuroleptika erhöhen die Gefahr eines Rückfalls.
Rückfälle bei schizophrenen Psychosen ohne/mit Neuroleptika
(innerhalb von 12 Monaten)
Ohne Neuroleptika |
Mit Neuroleptika |
Rückfälle 75% |
Rückfälle 15% |
![]() |
![]() |
Keine Rückfälle 25% |
Keine Rückfälle 85% |
4.4 Was sind Frühwarnsymptome?
Wenn Belastungssituationen nicht
entschärft werden können und die Überforderung andauert, können Symptome entstehen,
die anzeigen, daß der Betreffende auf seine Belastungsgrenze zusteuert.
| Unruhe und Schlafstörungen | Gefühl beobachtet und kontrolliert zu werden |
| Konzentrationsstörungen | Gefühl alles auf sich zu beziehen |
| sozialer Rückzug | Gefühl der Schwäche |
| Vernachläßigung der Körperpflege | Zwangsgedanken |
| Veränderung im Tagesablauf | Stimmen hören |
| Depressive Verstimmung/Interessenverlust | Reizbarkeit/Aggression |
| Geräuschempfindlichkeit | Mißtrauen |
| Veränderung der Eß- und Trinkgewohnheiten | zunehmende Religiosität |
Um eine mögliche Krise zu bewältigen, helfen folgende individuelle Bewältigungsmaß-
nahmen:
Eine Basis für Verständnis und Umgang mit veränderten Lebensbedingungen, die durch eine schizophrene Psychose entstehen können, ist die Offenheit in der Familie. Nöte, Sorgen und Ängste werden nur dann zufriedenstellend bewältigt, wenn miteinander offen über vorhandene Probleme gesprochen wird.
Von Angehörigen werden oft Schuldgefühle, die Erkrankung und den stationären Aufenthalt mitverursacht zu haben, geäußert.
Wer sich freimacht von Schuldvorwürfen und dem Druck des schlechten Gewissens, kann das ganze Problem wahrnehmen, ist wieder frei als Handlungs- und Verhandlungspartner, kann "ja" oder "nein" sagen, kann eigene Fehler erkennen, anerkennen und ändern, kann Verantwortung ablehnen und übernehmen.
Im Einzelfall kann man gut verstehen, daß auch den Angehörigen manchmal die "Nerven durchgehen" und sie gereizt, ungeduldig und überkritisch gegenüber dem schizophren Erkrankten reagieren.
Die Erfahrung hat gezeigt, daß es sich lohnt, derartige Verhaltensweisen möglichst zu vermeiden, weil solch ein Umgangsstil äußerst kränkend/beschämend für den Erkrankten ist.
Sehr ausgeprägte gefühlsmäßige Reaktionen sollten vermieden werden:
Ein Mindestmaß an Information über die Erkrankung trägt zu einem besseren Verständnis bei. Vertrauen und Ehrlichkeit sind für den schizophren erkrankten Menschen eine große Orientierungshilfe.
Erfahrungsaustausch mit anderen Angehörigen (Angehörigen-Gruppe) tragen dazu bei, sich seine Eigenständigkeit zu erhalten und sich nicht durch Selbstaufgabe zu verlieren. Sich untereinander nicht überfordern und entwerten, eigene Freiräume schaffen kann neue Kräfte freisetzen sich selbst und dem Erkrankten zu helfen.
Soziale Kontakte aufrechterhalten bzw. wiederherstellen ist dringend notwendig. Da Angehörige die wichtigsten Mitbehandler "Co-Therapeuten" der hauptberuflichen Helfer sind, versteht es sich von selbst, eine Zusammenarbeit anzustreben.
Häufige sorgenvolle Fragen von Angehörigen sind:
Diese und weitere offene Fragen
zu beantworten, Beratung, Vermittlung und Informationen weiterzugeben, werden im Gespräch
und mit Hilfe der Informationsbroschüre vom therapeutischen Team gerne übernommen.
Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker in Deutschland
Thomas-Mann-Str. 49a
53127 Bonn
0228/632646
Landesarbeitsgemeinschaft Rheinland-Pfalz Angehörige psychisch Kranker e.V.
c/o Wolfgang Gottschling
Robert-Koch-Str. 22
56179 Vallendar
0261/62245
Sozialpsychiatrischer Dienst
Gesundheitsamt Andernach
Breitestr. 109
56626 Andernach
02632/43025
Sozialpsychiatrischer Dienst
Gesundheitsamt Koblenz
Neversstr. 46
56068 Koblenz
0261/3911
Sozialpsychiatrischer Dienst
Gesundheitssamt Mayen
Bannerberg 6
56727 Mayen
02651/43871
Tageskliniken
Psychiatrische Tagesklinik Andernach 02632/407343
Psychiatrische Tagesklinik Mayen 02651/900793
Psychiatrische Tagesklinik Koblenz 0261/16449
Psychosozialer Dienst |
Psychosozialer Dienst |
Werftstr. 29 |
Koblenzerstr. 116 |
56626 Andernach |
56073 Koblenz |
Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V.
Bahnhofstr. 37
54516 Wittlich
06571/96343
Prof. Dr. med Volker Faust
Schizophrenie, Erkennen und Verstehen in Fragen und Antworten
Arcis Verlag, München 1996
Thiel/Jensen/Glinka/Stumpf
Psychiatrie für Pflegeberufe
Urban & Schwarzenberg 1996
Josef Bäuml
Psychosen aus dem Schizophrenen Formenkreis
Ein Ratgeber für Patienten und Angehörige
Springer-Verlag, Berlin Heidelberg 1994
Th. Bock, J.E. Deranders, I. Esterer
Stimmenreich, Mitteilungen über den Wahnsinn
Psychiatrie-Verlag, Bonn 1992, 4. Auflage 1994
Dörner/Egetmeyer/Koenning
Freispruch der Familie
2.Auflage, Psychiatrie-Verlag, 1984
Klaus Dörner, Ursula Plog
Irren ist menschlich
Lehrbuch der Psychiatrie, Psychotherapie
Psychiatrie-Verlag, Bonn 1. Auflage der Neuausgabe von 1996
Ministerium für Arbeit, Soziales und Gesundheit, Rheinland-Pfalz
Gemeindenahe Psychiatrie
3. überarbeitete Auflage
Stand: August 1996
Angela Kieserg und W. Peter Hornung
Psychoedukatives Training für schizophrene Patienten (PTS)
Ein verhaltenstherapeutisches Behandlungsprogramm zur Rezidivprophylaxe
2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Materialie Nr. 27
dgvt-Verlag Tübingen, 1996
Dilling/Mombour/Schmidt (Hrsg)
Internationale Klassifikation psychischer Störungen
ICD-10, 2.Auflage
Verlag Hans Huber 1993
Uwe Henrik Peters
Wörterbuch der Psychiatrie und medizinischen Psychologie
Zweite Auflage,Urban&Schwarzenberg, 1977
Den Schwerpunkt der Informationsbroschüre für Patienten und Angehörige schizophren erkrankter Menschen sehe ich in der Aufklärung, wobei meine Ausführungen keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Die dafür notwendige verständliche Sprache zu finden, wo der Betroffene sich wiederfindet, war mir ein Anliegen und ein zusätzliches Problem. Verfällt man als hauptberuflicher Helfer allzu oft in ein für Laien unverständliches Fachjargon.
Die Flut an Literaturauswahl zu dem Thema hat es mir nicht unbedingt leichter gemacht. Hauptursache waren dabei die unterschiedlichen Ausführungen der Vertreter der medizinischen- und der sozialpsychiatrischen Ansichten.
Diese Broschüre soll keine Lösung der Probleme bei schizophren erkrankten Menschen vorgeben. Sie kann und soll nicht alle Fragen beantworten, die sich aus der persönlichen Betroffenheit von schizophren erkrankten Menschen und deren Angehörigen ergibt. Auch bin ich nicht der Auffassung, daß eine Broschüre das Gespräch mit dem behandelnden Arzt oder anderen professionellen Helfern ersetzen kann.
Danken möchte ich dem Dozent und Kollegen Holger Thiel, der sich die Zeit nahm, Hilfen und Unterstützung zu geben, wo ich sie benötigte.
Aufbauend zu dieser Arbeit möchte ich mich in Zukunft mehr über Angehörigenarbeit informieren und engagieren.
Wenn diese Informationsbroschüre
ein Grundwissen für Betroffene und deren Angehörige vermitteln kann, hat sie ihren Zweck
aus meiner Sicht erfüllt.
Andernach, den 05.03.1997 Hans-Jürgen Netz
![]()
copyright by Hans-Jürgen Netz. All Right reserved. Last Update: 06.03.97. Published by Franz Deckarm.
Mein Roman |
Mendig |
Karneval |
Gambrinus |
Mein Beruf |
Psychiatrie |
Vulkane |
|
Meine Katzen |
Award |
Gewinner |
![]() |
Meine Rezepte |
Toplinks |
Englisch |
last update 20.09.1998 by Franz Deckarm