Dies ist eine allgemeinverständliche Hilfe für Betroffene oder Angehörige schizophren erkrankter Menschen. Ich bedanke mich bei meinem Freund und Arbeitskollegen Psychiatriefachpfleger Jürgen Netz für die Erlaubnis seine Prüfungsarbeit auf meinen Seiten veröffentlichen zu dürfen. Alle Rechte,insbesondere die der Veröffentlichung, liegen weiterhin bei Jürgen Netz. Franz Deckarm

Informationen

für Patienten und Angehörige

schizophren erkrankter Menschen

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Erstellt im Rahmen des Weiterbildungslehrgangs:

Fachschwester/Fachpfleger für Psychiatrie 1995-1997

an der Rhein-Mosel-Fachklinik-Andernach


Dozent: Holger Thiel

Referent: Hans Jürgen Netz

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Inhalt

Einleitung

1 Ursachen schizophrener Psychosen

2 Krankheitszeichen

3 Behandlung

4 Vorbeugung gegen Rückfälle

5 Die Rolle der Angehörigen

Wichtige Adressen

Literatur

Nachwort

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EINLEITUNG

Literatur zum Thema Schizophrenie gibt es beinahe wie Sand am Meer. Das Angebot ist vielfältig, leider auch unübersichtlich. Für Betroffene und Angehörige ist eine informative Aufklärung ein erster Schritt die Erkrankung zu verstehen, mit ihr umzugehen und zu leben.

Diese Broschüre soll dabei helfen, sich mit der Erkrankung aktiv auseinanderzusetzen. Nötig ist hierzu ein Mindestmaß an Information zu den Bereichen:

Woher kommen Vorurteile?

Leider besteht heute noch in vielen Kreisen der Öffentlichkeit ein verbreitetes Mißtrauen gegenüber schizophren erkrankter Menschen. Das resultiert daraus, daß von allen Menschen eine Verständlichkeit ihrer Motive und eine absolute Verläßlichkeit ihres Verhaltens erwartet wird. Die Erkrankten werden häufig als unberechenbar, unzuverlässig und sogar als gefährlich angesehen

Das Gesicht psychiatrischer Kliniken hat sich geändert

Der schlechte Ruf psychiatrischer Einrichtungen aus früheren Zeiten, wo Erkrankte über lange Zeit untergebracht wurden, trägt heute noch zu Bedenken gegenüber diesen Institutionen bei. Der überwiegende Teil akut schizophren erkrankter Menschen bedarf nur noch eines vorübergehenden klinischen Aufenthaltes mit wirksamen Behandlungsmethoden. Dauerte die stationäre Behandlung vor der Einführung wirksamer Medikamente durchschnittlich 6 - 9 Monate, sind es heute 4 - 6 Wochen.

Der Begriff der Schi;zophrenie, der früher immer mit einem ungünstigen Krankheitsverlauf oder gar mit der Berentung verbunden wurde, hat heute keine Gültigkeit mehr.

Was bedeutet der Krankheitsbegriff "schizophrene Psychose"?

Das Wort schizophren kommt aus dem Griechischen und heißt übersetzt Spaltung der Seele. Damit ist nicht die Spaltung des Menschen in zwei Persönlichkeiten gemeint, sondern es beschreibt die Tatsache, daß schizophren Erkrankte zwei Wirklichkeiten kennen und empfinden. Sie erfahren Dinge, nehmen Sinneseindrücke wahr, die Gesunde nicht nachvollziehen können. Das Vorhandensein von zwei nebeneinander stehenden Wahrnehmungswelten wird also mit dem Begriff schizophren umschrieben.

Der Begriff Psychose wurde im 19. Jahrhundert geprägt und leitet sich von dem Wort psychisch, d.h. mit der Seele zusammenhängend, also seelisch, ab.

Betroffen ist das Denken, Wollen und Fühlen, wodurch der Bezug zur Wirklichkeit, die Einsichtsfähigkeit sowie die Fähigkeit, mit den alltäglichen Lebensanforderungen zurechtzukommen, erheblich gestört wird.

 

Inhalt

1 URSACHEN SCHIZOPHRENER PSYCHOSEN

Mit großer Wahrscheinlichkeit steht fest, daß dafür keine isolierte Einzelursache verantwortlich gemacht werden kann. Die Fachpresse spricht von einer multifaktoriellen Genese, d.h. zahlreiche unterschiedliche Einflüsse sind von Bedeutung. Die verschiedenen Faktoren können bei jedem Betroffenen von ganz unterschiedlicher Bedeutung sein.

1.1 Das Verletzlichkeit-Stress-Modell (Vulnerabilitäts-Modell)

Ganz allgemein besagt dieses Modell, daß die Außenhaut der Seele, das sogenannte Nervenkostüm, nicht bei allen Menschen gleich stabil ist, daß es wohl einige Menschen gibt, die eine besondere dünne Außenhaut haben. Psychisch belastende Umstände in der lebensgeschichtlichen Entwicklung, wie beispielsweise der Verlust eines nahestehenden Menschen, Stress durch eine Prüfung, Kontaktstörungen und damit verbundene Isolation, tragen zu einer kritischen Grenzüberschreitung der Verletzlichkeit bei.

Beim Zusammentreffen vieler ungünstiger Ereignisse kann es zu einer akuten Überforderung der nervlichen Belastbarkeit kommen.

Die empfindliche Außenhaut wird überstrapaziert und das Nervenkostüm reißt ein, so daß es zum Ausbruch einer schizophrenen Psychose kommen kann.

Kritisch belastend sind:

Inhalt

1.2 Biologische Bedingungen

Erbliche Faktoren (genetisch bedingt)

In der Verwandtschaft schizophren erkrankter Menschen können weitere Fälle von schizophrenen Psychosen vorkommen. Der Einfluß der Vererbung kann nur als eine Teilbedingung der schizophrenen Verletzlichkeit angesehen werden.

In jedem Falle wird nur die Veranlagung vererbt, nicht die Schizophrenie selbst.

Stoffwechselstörungen (biochemische Faktoren)

Eine erhöhte Verletzlichkeit (unter Punkt 1.1 beschrieben), sowie körperliche und lebensgeschichtliche Einflüsse können zu einer Störung im Gehirnstoffwechsel führen (Überschuß des Überträgerstoffes Dopamin). Bei einer akuten schizophrenen Psychose liegt dann eine schwere Entgleisung dieses Überträgerstoffes Dopamin vor.

Inhalt

2 KRANKHEITSZEICHEN

2.1 Wie verlaufen schizophrene Psychosen?

Die häufigste Schizophrenieform ist die paranoid-halluzinatorische Schizophrenie. Hierbei hat der Erkrankte meist das Gefühl verfolgt und/oder bedroht zu werden ohne sich dagegen wehren zu können. Diese Überzeugung ist in der akuten Krankheitsphase vom Erkrankten nicht korrigierbar. Alltägliche Dinge die sich um ihn herum ereignen bezieht der Erkrankte auf sich. In diesem Falle spricht man von wahnhaftem Erleben (Beziehungswahn).

Zusätzlich können Stimmen gehört werden. Diese können z.B. über den Erkrankten reden, Befehle erteilen etwas zu unterlassen, zu unternehmen, oder einfach jegliches Handeln des Patienten kommentieren. Die Fülle von Erlebnissen ruft häufig große Angst, Fassungslosigkeit und starkes Mißtrauen aus.

Die hebephrene Schizophrenie beginnt meist zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr. Der Erkrankte wirkt unbekümmert, frohgelaunt und heiter ohne sich dabei wirklich freuen zu können. Die Gefühle sind gestört. Das Denken ist beschleunigt und dem Inhalt der Ideen ist schwer zu folgen. Der Erkrankte lebt oft ziel - und planlos.

Die katatone Schizophrenie teilt man in zwei gegensätzlich aussehende Krankheitsbilder, die einzeln oder auch wechselnd auftreten können.

Treten neben paranoid-halluzinatorischen Symptomen auch starke Stimmungsschwankungen auf, spricht man von einer schizoaffektiven Psychose. Die Stimmungsschwankungen können hierbei sowohl in Form von unangepaßt heiterer als auch depressiver Stimmung sein.

Eine eher seltene Verlaufsform ist die Schizophrenia simplex. Diese Verlaufsform entwickelt sich langsam und über einen längeren Zeitraum. Der Erkrankte verändert sich im persönlichen Verhalten, wie z.B. deutlicher Interessenverlust, Müßigkeit und einem sozialen Rückzug, er distanziert sich ohne erkennbare Gründe von der Familie. Zu dem Zeitpunkt, an dem dieses Verhalten bemerkt wird, liegt der Erkrankungsbeginn meist um Jahre zurück. Symptome, wie bei den vorbeschriebenen Verlaufsformen werden nur selten gesehen.

2.2 Welche Symptome gibt es?

Die wichtigsten Symptome einer schizophrenen Psychose:

Denkstörungen

Die krankhafte Veränderung des Denkens kann sich zum einen beim formalen Ablauf der Gedanken zeigen. Der Erkrankte berichtet beispielsweise von "Gedankenabreißen" (beschrieben wird das Gefühl, daß mitten im Erzählen ein Gedanke plötzlich weg ist). Ist das Denken beschleunigt, fällt das dem Erkrankten häufig selbst nicht auf. Steigert sich das beschleunigte Denken bis zur Denkzerfahrenheit, kann man kaum einer Beschäftigung nachgehen. Ist das Denken gesperrt oder gehemmt, wirken die Erkrankten als ob sie sich im Gespräch nicht auf den Inhalt konzentrieren könnten. Das wird vom Erkrankten oft als Defizit empfunden.

Mit dem inhaltlich gestörten Denken ist die Vielfalt der Wahngedanken und Wahnideen gemeint. Das in der Öffentlichkeit belächelte Beispiel des Patienten, der sich als Napoleon oder Jungfrau Maria fühlt, ist dabei nicht obligatorisch. Vielmehr ist es oft der wahnhafte Gedanke, verfolgt, vergiftet und von Verwandten oder durch Geheimdienste bedroht zu werden.

Akustische Halluzinationen

Mit akustischen Halluzinationen bezeichnet man das Hören nicht vorhandener Stimmen und Geräusche. Diese Stimmen können die verschiedensten Eigenschaften besitzen. Sie können bekannt oder unbekannt sein, von Toten oder Lebenden, freundlich oder bedrohlich. Sie können kritisieren "Wie siehst du denn aus", beschimpfen "Du Versager", bedrohen "Gleich passiert dir etwas", loben, "das hast du toll gemacht". Betroffene können sich mit den gehörten Stimmen unterhalten. Die Stimmen können jegliches Handeln kommentieren.

Eine große Gefahr geht von den Befehlsstimmen aus "Du darfst nichts mehr Essen", oder "Spring aus dem Fenster".

Gestörtes Ich-Erleben

Bei den Störungen des Ich-Erlebens fühlt der Erkrankte sich im Denken, Handeln und Fühlen von Außenkräften gesteuert und beeinflußt. Die Grenzen zwischen dem eigenen Ich und der Umwelt erscheinen durchlässig.

Auf das Denken bezogen, kommt es zu Gedankenentzug und Gedankeneingebung (häufig mittels Hypnose beschrieben). Verantwortlich machen die Betroffenen meist eine fremde, übermächtige Institution, wie Behörden oder fremde Wesen aus dem Weltall, die sich modernster Techniken bedienen.

Bei Beeinträchtigungen des Fühlens werden Teile des eigenen Körpers verändert wahrgenommen.

Wahnwahrnehmungen

Das gesehene Objekt und das gesprochene oder gelesene Wort wird wahnhaft umgedeutet. Beispielsweise kann eine an sich harmlose Wahrnehmung, wie ein Mann auf einer Parkbank, als bedrohlich umgedeutet werden "der Mann ist ein Spion, der will mich töten". Ein Artikel in der Tageszeitung könnte zu einer schlimmen Prophezeihung werden.

Weitere Wahrnehmungsstörungen sind eine Überempfindlichkeit gegenüber Gerüchen, Geräuschen und Berührungen. Die Sinneseindrücke werden intensiver empfunden, oft als lästig, unangenehm und quälend.

Antriebsstörungen

Beim Antriebsmangel fehlt der Spontanantrieb. Das zeigt sich in Trägheit, Interessenlosigkeit und Gleichgültigkeit. Nicht zu vergessen sind damit verbundene körperliche Störungen wie Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Verminderung von Libido und Potenz, sowie eine reduzierte Flüssigkeitsaufnahme mit allen gesundheitlichen Folgen.

Bei der Antriebssteigerung ist der Spontanantrieb verstärkt. Der Erkrankte ist lebhafter als sonst, rastlos, getrieben, spricht schneller, scheint nie müde zu werden. Verbunden ist dies häufig mit verstärkter Unruhe, leichter Erregbarkeit und der Neigung zu aggressiven Durchbrüchen.

Inhalt

3 BEHANDLUNG

3.1 Behandlungsformen schizophrener Psychosen

Medikamentös

Die medikamentöse Therapie bedient sich der sogenannten Psychopharmaka.

Sie werden eingeteilt in:

Neuroleptika

Neuroleptika sind Medikamente zur Behandlung psychotischer Symptome, die alle eine antipsychotische Wirkung haben. Die Einteilung der Neuroleptika erfolgt nach Wirkungsart und Wirkungsstärke. Jeder schizophren Erkrankte braucht eine für ihn individuelle Dosis. Bei der Dosierung der Neuroleptika gilt stets der allgemeine Grundsatz:

"Soviel wie nötig, so wenig wie möglich!"

Tranquilizer

Eine Angstminderung und Dämpfung übermäßiger Erregung sind die wichtigsten Wirkungen.

Es besteht eine Abhängigkeitsgefahr bei längerer Einnahme.

Antiparkinsonmittel

Zur Behandlung von unerwünschten Wirkungen durch Neuroleptika.

Antidepressiva

Neben der depressionslösenden Wirkung haben diese Medikamente noch eine erwünschte aktivierende oder beruhigende Wirkung auf den Antrieb.

Lithium-Salze und Carbamazepin

Kommt zu einer schizophrenen Symptomatik eine Steigerung des Antriebes hinzu, kann dieser mit Lithium- oder Carbamazepinpräparaten abgeschwächt werden.

Psychotherapie

Psychotherapeutische Behandlungsansätze lassen sich in Anlehnung an das Verletzlichkeits-Stress-Modell in 2 Strategien unterteilen:

Verhaltenstherapien haben sich bei schizophren erkrankten Menschen bewährt und sollten Bestandteil jedes Behandlungskonzeptes sein. Schon kurz nach Abklingen der akuten schizophrenen Psychose kann eine Teilnahme an einer psychoedukativen Gruppe sehr hilfreich sein. Dort werden Informationen über die Erkrankung, Entstehung und Verlauf vermittelt. Darüber hinaus wird über mögliche Behandlungsverfahren und die Bedeutung der Rückfallvorbeugung gesprochen.

Im Hinblick auf die Vermeidung von Rückfällen wird der Erkrankte geschult, Frühsymptome zu erkennen und Möglichkeiten zur Bewältigung (Krisenplan) zu entwickeln.

Weitere psychotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten:

Beratung

Der Sozialdienst steht als Berater für folgende Bereiche zur Verfügung:

Rehabilitation

Die soziotherapeutischen Behandlungsmaßnahmen nehmen einen positiven Einfluß auf die "sozialen Gegebenheiten", d.h. vor allem die zwischenmenschlichen Beziehungen und die unmittelbare Umgebung des Erkrankten. In den Bereichen Arbeit, Wohnung, Freizeitgestaltung usw. werden lebenspraktische Maßnahmen in Alltagssituationen so "umorganisiert" und begleitet, daß sich der Erkrankte trotz zeitweiser krankheitsbedingter Einbuße seiner Lebensqualität wieder wohl fühlen kann. Verlorengegangene Fähigkeiten und Talente werden gefördert.

Eine schrittweise Wiedereingliederung in seine Wohn- und Arbeitswelt wird gemeinsam vorbereitet.

Unter ergotherapeutischen Maßnahmen werden alle Tätigkeiten zusammengefaßt, die mit einer handwerklichen Beschäftigung zu tun haben.

Der Erkrankte hat die Gelegenheit individuell, trotz möglicher Konzentrationsstörungen oder fehlendem Durchhaltevermögen, sich entweder mit künstlerischem Gestalten oder ganz einfachen Dingen zu beschäftigen.

In der Beschäftigungstherapie werden dem Erkrankten verlorengegangene Bedürfnisse und Wünsche näher gebracht. Die Arbeit in Gruppen trainiert das soziale Verhalten, er lernt wieder, sich mit seinen Mitmenschen auseinanderzusetzen und wird von der Krankheit abgelenkt.

Angeboten werden beispielsweise Töpfern, Modellieren, Handarbeiten, Batiken, Seiden-malerei, Stricken, Weben, Nähen, Flechten, Holzarbeiten, Gesellschaftsspiele.

Die Arbeitstherapie ist ein allmähliches Belastungstraining und dient zur Vorbereitung auf den Wiedereinstieg in den beruflichen Alltag.

Nach individuellen Bedürfnissen wird eine geeignete Therapie angeboten. Die Leistungsfähigkeit und Leistungsgrenzen werden trainiert und gemeinsam festgelegt durch Sortieren, Montieren, Fertigung, Ablegearbeiten, Botengänge, Mitarbeit in der Gärtnerei, Holzverarbeitung, Mechanikertätigkeit, Bürotätigkeit, Weben, Stuhlflechten.

Die Sporttherapie hat das Ziel, eingeschränkte Bewegungsfunktionen wiederherzustellen. Von großer Bedeutung ist hierbei für den Erkrankten sein "Zurechtkommen" in der Gruppe und die Motivation zur Bewegung. Es kommt also nicht auf die sportliche Leistung an.

Durch die therapeutischen Bewegungen soll das Vertrauen in den eigenen Körper und die Körperwahrnehmung wiedergewonnen werden.

Im Krankheitsverlauf können sich die Bedürfnisse des Erkrankten ändern, die Behandlung muß flexibel und die Dauer der Therapie individuell sein.

Inhalt

3.2 Warum eine Behandlung mit Psychopharmaka?

Ziel der Behandlung ist das Ordnen von Denken und Wahrnehmung, Beruhigung übermäßiger Erregung und Schutz vor dem erneuten Auftreten einer akuten schizophrenen Psychose.

Die Behandlung sollte keinem, an einer akut schizophrenen Psychose Erkrankten vorenthalten werden, da die Vorteile einer Behandlung überwiegen durch:

Psychopharmaka sind kein Allheilmittel. Erst das gemeinsame Wirken von medikamentöser Therapie, Psychotherapie, Beratung und Rehabilitation steigern die Chancen auf Erfolg.

Inhalt

3.3 Unerwünschte Wirkungen der Neuroleptika und deren Behandlung

Die am häufigsten sichtbaren unerwünschten Wirkungen sind Steifigkeit und Unbeweglichkeit der Muskulatur, starker Bewegungsdrang mit dem Gefühl nicht sitzen oder auf einer Stelle stehen zu können, Muskelkrämpfe im Bereich Zunge, Schlund und Augen, Zittern vor allem in den Händen.

Die Behandlung dieser unerwünschten Wirkungen sind:

Störungen der Hormonregulation, mit für die Erkrankten feststellbaren Beschwerden, wie Abnahme des sexuellen Verlangens, Zyklusstörungen und Absonderung von Milch aus den Brustdrüsen bei Frauen, Potenzstörungen beim Mann.

Behandlung der unerwünschten Wirkung durch:

Weitere unerwünschte Wirkungen sind Blutbildveränderungen, Herz-Rhythmusstörungen und Störungen der Leberfunktion.

Kontrolle der unerwünschten Wirkungen durch:

Unerwünschte Wirkungen können leicht bis sehr unangenehm empfunden werden, sind jedoch nicht bedrohlich. Werden sie rechtzeitig erkannt und entsprechend behandelt, sind heftige unerwünschte Wirkungen gut zu vermeiden.

Inhalt

3.4 Was passiert bei einer Unter- oder Überdosierung?

Ist die Dosierung der Neuroleptika zu hoch, so fällt im Gehirnstoffwechsel die Weiterleitung von Reizen durch den Mangel an Überträgerstoffen (Dopamin) ab. Der Erkrankte fühlt sich sehr gedämpft, "wie betäubt" und energielos.

Ist die Dosierung der Neuroleptika zu gering, so besteht weiterhin eine Überschuß an Überträgerstoffen. Der Erkrankte kommt nicht zur Ruhe. Eine exakte Dosierung auf Anhieb zu finden ist sehr schwierig.

Inhalt

4 VORBEUGUNG GEGEN RÜCKFÄLLE

4.1 Risiken bei fehlender Krankheitseinsicht

Viele Erkrankte werden durch die Nebenwirkungen der Neuroleptika stark verunsichert und abgeschreckt. Ohne entsprechende Informationen über die Hintergründe der Erkrankung und die Wichtigkeit der Rückfallschutzbehandlung kann man nicht erwarten, daß Erkrankte sich diese Nebenwirkungen ohne weiteres aufbürden lassen.

Risiken bei fehlender Krankheitseinsicht:

Inhalt

4.2 Welche Vor- und Nachteile gibt es bei "Depot-Spritzen"?

Alltagserfahrungen haben gezeigt, daß auch sehr gewissenhafte Menschen die regelmäßige orale Einnahme nicht gewährleisten können.

Die dabei entstehenden Schwankungen des Wirkstoffspiegels im Blut tragen zu einem "Auf- und Abflauen" der unerwünschten Wirkungen bei. Dies wird oft als sehr unangenehm empfunden. Die Neuroleptika werden als "Depot" (Vorratspeicher) in einen Muskel gespritzt. Dieser "Vorrat" reicht je nach Präparat 1-4 Wochen lang.

Die Vorteile eines Depotpräparates sind:

Als Nachteil wird empfunden:

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4.3 Was passiert beim plötzlichen Absetzen von Neuroleptika?

Vor allem wegen der erlebten unerwünschten Wirkungen unterbrechen viele Erkrankte gelegentlich für einige Tage die Neuroleptika-Behandlung oder setzen die Medikamente ganz ab. Er fühlt sich dann in vielen Fällen sofort besser, weil die Nebenwirkungen sehr schnell zurückgehen.

Die Wirkung der Medikamente nimmt langsamer ab als die unerwünschten Wirkungen. Absetzen und unregelmäßige Einnahme der Neuroleptika erhöhen die Gefahr eines Rückfalls.

Rückfälle bei schizophrenen Psychosen ohne/mit Neuroleptika

(innerhalb von 12 Monaten)

Ohne Neuroleptika

Mit Neuroleptika

Rückfälle 75%

Rückfälle 15%

Keine Rückfälle 25%

Keine Rückfälle 85%

Inhalt

4.4 Was sind Frühwarnsymptome?

Wenn Belastungssituationen nicht entschärft werden können und die Überforderung andauert, können Symptome entstehen, die anzeigen, daß der Betreffende auf seine Belastungsgrenze zusteuert.

Frühwarnsymptome

Unruhe und Schlafstörungen Gefühl beobachtet und kontrolliert zu werden
Konzentrationsstörungen Gefühl alles auf sich zu beziehen
sozialer Rückzug Gefühl der Schwäche
Vernachläßigung der Körperpflege Zwangsgedanken
Veränderung im Tagesablauf Stimmen hören
Depressive Verstimmung/Interessenverlust Reizbarkeit/Aggression
Geräuschempfindlichkeit Mißtrauen
Veränderung der Eß- und Trinkgewohnheiten zunehmende Religiosität

Inhalt

4.5 Bewältigungsstrategie

Um eine mögliche Krise zu bewältigen, helfen folgende individuelle Bewältigungsmaß-

nahmen:

Inhalt

5 DIE ROLLE DER ANGEHÖRIGEN

5.1 Offenheit in der Familie

Eine Basis für Verständnis und Umgang mit veränderten Lebensbedingungen, die durch eine schizophrene Psychose entstehen können, ist die Offenheit in der Familie. Nöte, Sorgen und Ängste werden nur dann zufriedenstellend bewältigt, wenn miteinander offen über vorhandene Probleme gesprochen wird.

Von Angehörigen werden oft Schuldgefühle, die Erkrankung und den stationären Aufenthalt mitverursacht zu haben, geäußert.

Wer sich freimacht von Schuldvorwürfen und dem Druck des schlechten Gewissens, kann das ganze Problem wahrnehmen, ist wieder frei als Handlungs- und Verhandlungspartner, kann "ja" oder "nein" sagen, kann eigene Fehler erkennen, anerkennen und ändern, kann Verantwortung ablehnen und übernehmen.

5.2 Wie können Angehörige helfen?

Im Einzelfall kann man gut verstehen, daß auch den Angehörigen manchmal die "Nerven durchgehen" und sie gereizt, ungeduldig und überkritisch gegenüber dem schizophren Erkrankten reagieren.

Die Erfahrung hat gezeigt, daß es sich lohnt, derartige Verhaltensweisen möglichst zu vermeiden, weil solch ein Umgangsstil äußerst kränkend/beschämend für den Erkrankten ist.

Sehr ausgeprägte gefühlsmäßige Reaktionen sollten vermieden werden:

Ein Mindestmaß an Information über die Erkrankung trägt zu einem besseren Verständnis bei. Vertrauen und Ehrlichkeit sind für den schizophren erkrankten Menschen eine große Orientierungshilfe.

Erfahrungsaustausch mit anderen Angehörigen (Angehörigen-Gruppe) tragen dazu bei, sich seine Eigenständigkeit zu erhalten und sich nicht durch Selbstaufgabe zu verlieren. Sich untereinander nicht überfordern und entwerten, eigene Freiräume schaffen kann neue Kräfte freisetzen sich selbst und dem Erkrankten zu helfen.

Soziale Kontakte aufrechterhalten bzw. wiederherstellen ist dringend notwendig. Da Angehörige die wichtigsten Mitbehandler "Co-Therapeuten" der hauptberuflichen Helfer sind, versteht es sich von selbst, eine Zusammenarbeit anzustreben.

Inhalt

5.3 Sorgen der Familie

Häufige sorgenvolle Fragen von Angehörigen sind:

Diese und weitere offene Fragen zu beantworten, Beratung, Vermittlung und Informationen weiterzugeben, werden im Gespräch und mit Hilfe der Informationsbroschüre vom therapeutischen Team gerne übernommen.

Wichtige Adressen

Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker in Deutschland

Thomas-Mann-Str. 49a

53127 Bonn

0228/632646

Landesarbeitsgemeinschaft Rheinland-Pfalz Angehörige psychisch Kranker e.V.

c/o Wolfgang Gottschling

Robert-Koch-Str. 22

56179 Vallendar

0261/62245

 

Sozialpsychiatrischer Dienst

Gesundheitsamt Andernach

Breitestr. 109

56626 Andernach

02632/43025

Sozialpsychiatrischer Dienst

Gesundheitsamt Koblenz

Neversstr. 46

56068 Koblenz

0261/3911

Sozialpsychiatrischer Dienst

Gesundheitssamt Mayen

Bannerberg 6

56727 Mayen

02651/43871

Tageskliniken

Psychiatrische Tagesklinik Andernach 02632/407343

Psychiatrische Tagesklinik Mayen 02651/900793

Psychiatrische Tagesklinik Koblenz 0261/16449

Psychosozialer Dienst

Psychosozialer Dienst

Werftstr. 29

Koblenzerstr. 116

56626 Andernach

56073 Koblenz

Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V.

Bahnhofstr. 37

54516 Wittlich

06571/96343

Inhalt

Ausgewählte Literatur

Prof. Dr. med Volker Faust

Schizophrenie, Erkennen und Verstehen in Fragen und Antworten

Arcis Verlag, München 1996


Thiel/Jensen/Glinka/Stumpf

Psychiatrie für Pflegeberufe

Urban & Schwarzenberg 1996


Josef Bäuml

Psychosen aus dem Schizophrenen Formenkreis

Ein Ratgeber für Patienten und Angehörige

Springer-Verlag, Berlin Heidelberg 1994


Th. Bock, J.E. Deranders, I. Esterer

Stimmenreich, Mitteilungen über den Wahnsinn

Psychiatrie-Verlag, Bonn 1992, 4. Auflage 1994


Dörner/Egetmeyer/Koenning

Freispruch der Familie

2.Auflage, Psychiatrie-Verlag, 1984


Klaus Dörner, Ursula Plog

Irren ist menschlich

Lehrbuch der Psychiatrie, Psychotherapie

Psychiatrie-Verlag, Bonn 1. Auflage der Neuausgabe von 1996


Ministerium für Arbeit, Soziales und Gesundheit, Rheinland-Pfalz

Gemeindenahe Psychiatrie

3. überarbeitete Auflage

Stand: August 1996


Angela Kieserg und W. Peter Hornung

Psychoedukatives Training für schizophrene Patienten (PTS)

Ein verhaltenstherapeutisches Behandlungsprogramm zur Rezidivprophylaxe

2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Materialie Nr. 27

dgvt-Verlag Tübingen, 1996


Dilling/Mombour/Schmidt (Hrsg)

Internationale Klassifikation psychischer Störungen

ICD-10, 2.Auflage

Verlag Hans Huber 1993


Uwe Henrik Peters

Wörterbuch der Psychiatrie und medizinischen Psychologie

Zweite Auflage,Urban&Schwarzenberg, 1977

Inhalt

Nachwort

Den Schwerpunkt der Informationsbroschüre für Patienten und Angehörige schizophren erkrankter Menschen sehe ich in der Aufklärung, wobei meine Ausführungen keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Die dafür notwendige verständliche Sprache zu finden, wo der Betroffene sich wiederfindet, war mir ein Anliegen und ein zusätzliches Problem. Verfällt man als hauptberuflicher Helfer allzu oft in ein für Laien unverständliches Fachjargon.

Die Flut an Literaturauswahl zu dem Thema hat es mir nicht unbedingt leichter gemacht. Hauptursache waren dabei die unterschiedlichen Ausführungen der Vertreter der medizinischen- und der sozialpsychiatrischen Ansichten.

Diese Broschüre soll keine Lösung der Probleme bei schizophren erkrankten Menschen vorgeben. Sie kann und soll nicht alle Fragen beantworten, die sich aus der persönlichen Betroffenheit von schizophren erkrankten Menschen und deren Angehörigen ergibt. Auch bin ich nicht der Auffassung, daß eine Broschüre das Gespräch mit dem behandelnden Arzt oder anderen professionellen Helfern ersetzen kann.

Danken möchte ich dem Dozent und Kollegen Holger Thiel, der sich die Zeit nahm, Hilfen und Unterstützung zu geben, wo ich sie benötigte.

Aufbauend zu dieser Arbeit möchte ich mich in Zukunft mehr über Angehörigenarbeit informieren und engagieren.

Wenn diese Informationsbroschüre ein Grundwissen für Betroffene und deren Angehörige vermitteln kann, hat sie ihren Zweck aus meiner Sicht erfüllt.

Andernach, den 05.03.1997 Hans-Jürgen Netz

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Mein Roman Mendig Karneval Gambrinus
Mein Beruf Psychiatrie Vulkane drago.1.jpg (12735 Byte)Mein Drago
Meine Katzen Award Gewinner Gästebuch
Meine Rezepte Toplinks Englisch

last update 20.09.1998 by Franz Deckarm