Franz Deckarm

W a l t e r

Leben mit dem Wahnsinn

Geschichte eines jungen Mannes und seiner schizophrenen Erkrankung

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Prolog

Ich hatte ihn noch nie so gesehen. Völlig apathisch, vor sich hinstarrend, die schulterlangen,pechschwarzen Haare schweißverklebt in Stirn und Nacken, reagierte er weder auf Ansprache, noch machte es den Anschein, daß er irgend etwas wahrnahm. Er schien in sich hineinzuhören.

Im Zimmer sah es schlimm aus. Verschimmelte Essensreste waren auf der Spüle und teilweise auf dem Boden zerstreut. Die Fenster waren mit Nägeln im Rahmen versehen und ließen sich dadurch nicht öffnen und ein wabernder Gestank stand in der kleinen Mansardenbude.

Er saß in dem Schaukelstuhl, den er Weihnachten von meiner Frau geschenkt bekam. Er liebte Schaukelstühle und hatte sich sehr gefreut. Im August war er ausgezogen. Lydia hatte es fast das Herz gebrochen, als er uns erklärte, er wolle auf eigenen Füßen stehen und fühle sich mit 19 ,und gerade abgeschlossener Prüfung als Industriekaufmann, alt genug um sich, wie er sagte, seinen eigenen Weg zu suchen. Lydia versuchte alles ihn umzustimmen. Sie tobte,sie schmeichelte und versuchte ihn knallhart zu bestechen, aber er blieb bei seinem Entschluß.

Bei mir, der ich eigentlich Gefühle nie offen zeigen konnte, waren die Einwände mehr praktischer Art. Wer kocht dir ? Wer wäscht? Woher die Einrichtung und all diese kleinen Hemmnisse mit dem Hintergedanken: Er wird es sich noch mal überlegen.

Als er dann ging, war ich einerseits aber auch stolz auf ihn. Er hatte diesen Job bei Gerling bekommen und die kleine Dachwohnung in Köln-Wesseling schien geschaffen für ihn.

So nah, als bei der Einrichtung seiner Wohnung, war ich ihm in den ganzen zurückliegenden Jahren nicht gekommen. Als wir fertig waren hatte er gesagt: Papa, du bist ein feiner Kerl ! Ich hatte geschmunzelt und irgendwas gemurmelt von: Das weiß ich schon länger.

Auf der Heimfahrt mußte ich dann in der Nähe von Bad Neuenahr einen Rastplatz aufsuchen, weil ich anfing zu heulen wie ein Schlosshund und mir klar wurde, daß ich ihn eigentlich in den ganzen Jahren nie gelobt hatte. Es war immer alles selbstverständlich für mich gewesen. Er hatte mir nie Sorgen bereitet. War mittelprächtig durch die Schulen gegangen, hatte seine Lehrstelle bei Procter&Gamble bekommen und hatte Freunde, die wir mochten. Er war unser einziges Kind.

Seltsamerweise wurde unser Verhältnis nach seinem Auszug viel inniger als es vorher gewesen war. Man sah seine Freude, wenn er uns besuchte oder wir rausfuhren und es kam kaum noch zu Streit. Lydia hatte sich schnell dran gewöhnt und wir hatten auch unsere kleinen Freiheiten genossen. Brauchten keine Rücksicht mehr zu holen und Lydia war wieder in ihren Bridgeclub gegangen, den sie jahrelang gemieden hatte.

Der Anruf war heute morgen gekommen. Sein Abteilungsleiter wollte sich nach ihm erkundigen, weil er schon 8 Tage nicht im Betrieb erschienen war.

Ich fuhr sofort los. Lydia verständigte ich telefonisch in Stuttgart, wo sie sich bei ihrer Mutter für ein paar Tage aufhielt. Bei meinen Anrufen bei Walter war nur besetzt gewesen und ich machte mir ernsthafte Sorgen.

Doch es sollte viel schlimmer kommen, als ich es in meinen schrecklichsten Vorahnungen je gedacht hatte.

1.Kapitel

Du Jammerlappen! Du Wichser! Schalte dich ab ! Feigling! Bringe dich um! Tu es doch! Versager! Die Stimmen quälten ihn, doch er konnte sich nicht wehren. Nicht gegen diese monotonen, eindringlichen Beschimpfungen die nun schon tagelang nicht aufhören wollten. Er konnte die Stimmen nicht einordnen. Sie kamen ihm so bekannt und doch so fremd vor. Seine Konzentration war gleich null. War ein eigener Gedanke da, konnte er ihn nicht festhalten. Er verflüchtigte sich und wurde durch neue ersetzt. Immerzu, stunden und tagelang. Er hatte kaum geschlafen, wachgehalten von dem Gerede.

Und sie drohten:

Sie wollen dir was. Paß auf was du ißt. Vielleicht mischen sie dir was ins Essen. Schau dir die Steckdose an. Sie belauschen dich. Sie bestrahlen dich. Es sind Feinde. Die einzige Waffe die er hatte war, ganz still zu sitzen, sich nicht bewegen, nicht auf sich aufmerksam machen.Und dann die Angst! Diese Scheißangst !

Es fing vorigen Dienstag an. Er fühlte sich im Betrieb überfordert, hatte Angst Fehler zu machen. Er war ja noch neu. Ein Jungfuchs in einer Horde die sich zu behaupten wußte. Er bemerkte, daß sie über ihn redeten. Sie tuschelten,steckten die Köpfe zusammen. Und es waren nicht nur zwei, nein es waren sie alle. Sie wollten ihn vernichten. Er mußte sich wehren. Er konnte ihre Gedanken lesen wie ein Buch. Doch er konnte sie nicht behalten. Sie kamen und gingen wie Wind in den Zweigen. Bruchstücke, Wortfetzen, nie ganze Sätze. Er würde sich verstecken müssen. Heim, in seine Wohnung. Dort war er sicher !

Doch die Stimmen waren bei ihm. Tag und Nacht. Er beschloß sich eine Auszeit zu nehmen. Er würde morgen nicht zur Arbeit gehen. Er würde ganz still in seinem Schaukelstuhl sitzen und abwarten. Dann fing er an zu beten. Mit Religion hatte er nie viel im Sinn gehabt. Aber nur Gott konnte sie stoppen. Nur er konnte helfen. Und immer wieder kam der Wunsch, den Stimmen nachzugeben. Er könnte es mit Rasierklingen tun. Sie waren im Badezimmerschrank. Aber es würde weh tun, und er haßte Schmerzen. Tabletten, Tabletten, das wäre die Lösung. Sie würden die Stimmen schweigen lassen. Aber außer Aspirin hatte er nichts. Er würde sie sich besorgen.

Er mußte vorsichtig sein. Es würde ihm keiner glauben. Auch seine Familie durfte nichts erfahren. Sie würden es wieder als Spinnerei abtun, wie so oft, wenn er mal zaghaft versuchte seine Standpunkte zu vertreten.

Ich muß mich schützen, schützen, schützen, hämmerte es in seinem Kopf. Ich bin wehrlos, bin ausgeliefert, warum tun sie das? Oder waren es Halluzinationen? Nein es war Realität.

Gestern hatten sie sogar im Radio über ihn geredet. Nicht konkret, aber lauter Andeutungen. Sie hatten Botschaften ausgetauscht, aber wer waren sie?

Sie wollen, daß ich mich umbringe, sie wollen mir befehlen! Ich will das nicht, nein,nein,nein und nochmals nein, ich will das nicht. Aber es wäre leicht sich davon zu befreien.

Nein, Tabletten waren keine Lösung. Er brauchte Hilfe.

Fieberhaft wählte er Rüdiger`s Nummer.

Rüdiger war der einzige Freund den er in Köln hatte. Er hatte ihn bei diesem Joe Cocker Konzert kennengelernt und sie hatten sich auf Anhieb gut verstanden. Als er dann umgezogen war, hatte ihm Rüdiger zusammen mit seinem Vater bei der Einrichtung seiner Wohnung geholfen. Rüdiger studierte an der Uni Bonn Psychologie, was gar nicht zu seinem Wesen paßte.

Er stammte aus Hausen, einem kleinen Kaff im Westerwald und war in seinem Auftreten mehr burschikos und polterhaft. Er bewunderte Rüdiger für seine unbefangene Art auf Leute zuzugehen und ohne Umschweife zum Thema zu kommen. Sie hatten stundenlange Gespräche miteinander geführt über Gott und die Welt und waren um die Häuser gezogen. Er mochte Rüdiger. Er würde wissen was zu tun war.

Kreiner , meldete sich die bekannte Stimme, Hallo.., 5 Sekunden verstrichen, Hallo...,dann eben nicht du Arschloch!!. Der Hörer wurde aufgelegt.

Er hatte es sofort gemerkt. Es war der Tonfall in der Stimme Rüdiger die ihm sagten: Er gehört dazu, mein Gott, er gehört dazu. Du warst zu vertrauensselig. Er merkte wie ihm der Schweiß ausbrach. Er umklammerte den Telefonhörer und begann sich gekrümmt im Takt vor- und zurück zu weichen. Stereotyp immer vor und zurück. Nicht denken, nur nicht denken müssen. Er war so in sich versunken,bis dieses Stimmengemurmel wieder lauter wurde. Und dann fing er an zu schreien. Zweimal schrie er aus voller Kraft bevor er in sich zusammensackte und nicht bemerkte, daß er einnässte.

 

Die Dunkelheit war gekommen und wieder gegangen. Er schwamm in der Zeit, wußte weder Stunde noch Tag. Sie könnten eindringen. Er mußte ihnen den Weg versperren. Wo war diese scheiss Werkzeugkiste. Es fiel ihm schwer sich zu orientieren. Schließlich fand er sie in der kleinen Kochküche hinter dem Vorhang. Er nahm sich Nägel und begann sie fahrig in die Fensterrahmen zu klopfen.

Hier kommen sie nicht mehr rein. Doch was wenn sie die Fenster einschlugen?

Die Angst kam wieder...

Ungebändigt und gewaltig überfiel sie ihn. Er bebte am ganzen Körper, fühlte sich ausgeliefert und nackt. Erst als er in seinem Schaukelstuhl saß , wich die Panik etwas. Seine Gebete waren intensiver geworden, halfen ihm abzuschalten. Er murmelte sie in sich hinein,ohne aufzublicken, fast lautlos. Er bemerkte nicht das aus den anfangs gesprochenen Sätzen nur noch stereotype Wortfetzen geworden waren. Tausendmal und mehr wiederholte er immer die gleichen Worte: Gnade Gottes, Gnade Gottes,Gnade Gottes.......!

Er konnte die Stimmen damit überlisten. Sie wurden übertönt , verloren an Intensität, aber sie waren auch sofort wieder da, wenn er aufhörte. Er durfte nicht aufhören.

Plötzlich stand jemand vor ihm. Er hatte nichts bemerkt, würde auch nicht hinsehen.

Walter! Walter!... , riefen sie. Die Gestalt wurde von Männern in roten Jacken beiseite geschoben und es kamen die Hände, die nach ihm griffen. Wehren, er mußte Widerstand leisten ,kämpfen. Dann schien er zu explodieren. Schreiend schlug er um sich, fühlte nichts mehr, keinen Schmerz und keine Blockade, als er in diese Fratzen drosch. Doch es waren zu viele. Minutenlang tobte der Kampf. Durch das Geschrei, bemerkte er nur ganz leicht den Stich in seine Vene und die Haldol-Atosil -Mixtur die sie in ihn hineinpumpten, bevor das Vergessen kam.

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Die Männer des Notarztteams waren mittlerweile eingetroffen. Der Hausmeister hatte sie wohl verständigt. Sie hatten eine Trage dabei und einen Riesenmetallkoffer. Es waren zwei Rettungssanitäter und ein Arzt. Der Arzt war an dem Schriftzug "Notarzt" der auf dem Rücken der feuerroten Sicherheitsjacke, die sie trugen, stand, zu erkennen.

Auf dem Flur vor der Eingangstür standen jede Menge Neugierige und stierten ins Zimmer, bis Herr Brenner, der Hausmeister die Tür schloß.

Nachdem Walter auf mein Rufen nicht reagiert hatte, schob mich ein Rettungsassistent mit den Worten: Dann lassen sie mich mal , zur Seite und wollte wohl die Hand auf die Schulter meines Sohnes legen. Ich hatte mich ein wenig abgewendet und hörte nur das häßliche Geräusch, als Walter dem jungen Mann das Nasenbein zerschmetterte.

In Sekundenbruchteilen brach das Chaos aus. Sie stürzten sich auf ihn und rissen ihn zu Boden.

Während dem ganzen Kampf schrie Walter wie von Sinnen. Es waren Schreie voller Verzweiflung und Wut. Sie werden mir nie mehr aus dem Kopf gehen.

Ein Sanitäter hatte den Unterarm über der Kehle meines Sohnes und hielt sich mit der Hand hinter seiner Schulter fest, so daß Walter durch die Hebelwirkung sich nicht aufbäumen konnte. Der Zweite kniete über seinen Oberschenkel und drückte ihm beide Arme auf den Boden. Blut floß ununterbrochen aus der Nase des Knieenden und tropfte auf Walters Bauch.

Der Notarzt hatte den Koffer geöffnet , brach 2 Ampullen auf und zog sie in einer Spritze auf. Hektisch befestigte er einen kleinen Schlauch mit einer Nadel daran. Er band Walter, der immer noch tobte und schrie den linken Oberarm mit einem Stauschlauch ab und traf erst beim dritten Mal die Vene. Mit sekundenlangen Pausen versehen injizierte er den Inhalt der Spritze.

Fast zeitgleich mit der Injektion ließ das Toben nach und Walters Körper erschlaffte. Sie hoben ihn auf die Trage und verschnürten ihn mit seitlich befestigten Bändern die kreuzweise über die Brust liefen wie ein Paket.. Seine Hände wurden mit Klettverschlüssen an den Seiten der Trage fixiert.

Muß das denn sein?, wagte ich einzuwenden.

Sie sehen ja wohl, was der Kerl gemacht hat. Wenn sie soweit sind, gehen sie nicht mehr freiwillig mit. Jetzt machen sie sich mal keine Sorgen, das wird schon alles werden.

Wo bringen sie ihn denn hin?, fragte ich.

Uniklinik Bonn, Psychiatrie, war die Antwort. Wie oft war er denn schon so drauf?

Ich habe ihn noch nie so gesehen. Was hat er?

Er ist knacke psychotisch, denke ich, aber das soll der Facharzt entscheiden. Ich lege ihm jetzt noch ne Infusion und dann fahren wir. Erkundigen sie sich am Besten an der Pforte der Klinik in welche Abteilung ihr Sohn verlegt wird. Ich glaube es wäre gut wenn sie dem diensthabenden Arzt noch ein paar Informationen geben würden.

Damit beendete er unser Gespräch und machte sich dran seinen Mitarbeiter zu verarzten und Walter eine Infusion anzuschließen.

Ich kam mir unbeholfen und im Wege stehend vor, konnte keinen klaren Gedanken fassen. Unsägliches Mitleid war in mir. Mein Gott, was ist passiert, dachte ich bloß.

Nahm er Drogen ? Das konnte ich mir nicht vorstellen.

Wir hatten ihn doch immer gewarnt vor diesem Dreckszeug. Aber ich hatte keine andere Erklärung.

Wenn ich gewußt hätte, was der heutige Tag für Veränderungen in meinem und im Leben meiner kleinen Familie hervorrufen würde, wäre der Schock noch größer gewesen.

Statt dessen stand ich da und flennte.

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Dr. Markus Wenz quälte sich durch den morgendlichen Stau. Er hasste Bonn um diese Uhrzeit.

Es war jetzt 7:30Uhr und um 8 wartete Blümchen , so nannten sie Chefarzt Dr. Blumig, zur morgendlichen Ärztebesprechung.

Blumig konnte Unpünktlichkeit auf den Tod nicht leiden und verpasste jedem Nachzügler einen Rüffel der für eine Woche reichte.

Heute sollte bekanntgegeben werden, wer wohin rotierte. Die Rotation der Assistenzärzte fand in halbjährigem Rhythmus statt. Sie wechselten die Stationen um Erfahrungen mit den verschiedenen Krankheitsbildern zu sammeln.

Markus war das letzte halbe Jahr auf C5 gewesen.

C5 war eine Station für psychisch kranke geriatrische Patienten. Er profitierte dabei von seinen umfangreichen Erfahrungen auf dem Gebiet der inneren Medizin, die er sich in seiner Zeit im Erlanger Klinikum angeeignet hatte.

Eigentlich war er ganz zufrieden gewesen. Das Team war top und hatte ihn von Anfang an akzeptiert, was längst nicht selbstverständlich war. Der Umgang mit den älteren Patienten hatte sich auch gebessert, nachdem es am Anfang schon nervend war auf die zum Teil dementen, depressiven oder manischen Menschen zuzugehen.

Er hatte sich die ersten Lorbeeren verdient und sich eingewöhnt. Und jetzt wieder diese Mistrotation.

Wieder von vorne anfangen. Neue Leute, neues Lernen !

Sein Rotationswunsch war die A1 , eine geschlossene Aufnahmestation für Männer gewesen. Hier waren die Krankheitsbilder noch frisch und sie hatte einen hervorragenden Ruf innerhalb der Universitätsklinik.

Vielleicht würde es klappen.

Er war mittlerweile auf dem Venusberg angekommen, winkte Herr Klammer, dem schwerbehinderten Pförtner, der ihm die Schranke öffnete, ohne dass er seine Karte benutzen musste, kurz zu, und parkte auf seinem Parkplatz. Er las nochmals voller Stolz sein Parkschild, für das er so lange gekämpft hatte und machte sich auf den Weg zum Konferenzraum.

Nachdem sie den Bericht des Arztes vom Dienst gehört und erörtert hatten, kam Dr Blumig zur Sache.

"Wenz, sie übernehmen die A1 und bekommen als Arzt im Praktikum Frau Szondra zur Seite". "Sie kriegen das schon hin" !

Jaa, er hatte sie, seine gewünschte A1, wenn auch mit Michaela. Michaela Szondra war nicht besonders beliebt bei den Kollegen. Sie schottete sich ab und galt als unnahbar, oder gab sich zumindestens so. Nun, er würde sich mit ihr zusammenraufen.

"Wenz bevor ich's vergesse, sie gehen heute schon rüber, Glaser ist länger krank und die Station braucht einen kompetenten Mann! Ich übernehme solange die C5 für sie" rief ihm Blumig noch zu.

10 Minuten später war der Konferenraum leer und Martin ging zur A1.

Er schloss die schwere Tür mit dem Sichtfenster auf, betrat die Station und schloss wieder ab.

"Herr Doktor, haben sie eine Zigarette für mich?", trat ein circa 45jaehriger Mann auf ihn zu.

"Nein, tut mir leid ich bin Nichtraucher" antwortete Markus und ging in Richtung Stationszimmer, gefolgt von dem Patienten.

Breitgrinsend wurde er von Klaus Leitner, dem Stationspfleger der A1 begrüßt.

"Na, Martin, hat's doch geklappt. Wir freuen uns auf dich!" sagte er ihm und klopfte Martin auf den Oberarm. Er schien sich echt zu freuen.

"Kannst auch gleich anfangen. Wir haben eine Aufnahme angemeldet. Muss wohl ganz schön gerumpelt haben. Sie bringen ihn mit dem Notarzt.

"Nee, noch nicht jetzt! Mir bleibt nichts erspart.", meinte Martin, "jemand Bekanntes?"

"Nein noch nie gehört, ist noch sehr jung, 19."

Wie heißt er denn?

"Reiser", sagte Klaus, "Walter Reiser".

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Wie in Trance, versuchte ich auf der Fahrt zur Klinik den Notarztwagen nicht aus den Augen zu verlieren.

Wie ein Film lief das Geschehen in Walters Wohnung immer und immer wieder in meinen Gedanken ab.

Was genau war psychotisch ? , wie sich der Notarzt ausgedrückt hatte.

Walter war doch kein Spinner, oder schwachsinnig. Es mussten Drogen sein ! Eine andere Erklärung zu dem, was ich gesehen hatte, gab es nicht. Walter war nie gewalttätig gewesen, er konnte doch keiner Fliege was zuleide tun. Ich konnte es einfach nicht begreifen !

Mittlerweile waren wir im Kliniksgelände angekommen. Die Männer des Notarztteams fuhren Walter mit der Trage durch die sich selbstöffnende Glastür und gingen, mit mir im Schlepptau raschen Schrittes und begafft durch eine Menge Leute die im Foyer saßen oder geschäftig umherliefen, zum Aufzug.

Es war wie ein Spießrutenlauf !

Im 2. Stock schlossen sie eine Tür auf, wir traten ein und es wurde wieder abgeschlossen.

Das Erste was mir auffiel war der Zigarettengeruch.

Noch bevor ich mir Gedanken machte, was Zigaretten auf einer Station in einem Krankenhaus zu suchen hatten,

wurden wir von einem jungen Mann in Jeans und weißer Jacke begrüßt. Er gab mir die Hand. Sein Händedruck war fest und ehrlich.

"Mein Name ist Klaus Leitner", sprach er mich an," ich bin Krankenpfleger. Sie sind bestimmt der Vater, habe ich recht?"

Ich nickte.

"Warten sie bitte hier im Besucherzimmer, wir kommen gleich zu ihnen", sagte er und schob mich in einen kleinen Raum in der Nähe des Eingangs. Dann drehte er sich um und ging mit den anderen und Walter auf der Trage schiebend, den langen Flur hinunter.

Quälend langsam verrann die Zeit, bis nach circa 15 Minuten die Tür geöffnet wurde und ich von einer gutaussehenden, jungen Frau, die sich als Schwester Vera vorstellte, zum Arztzimmer auf dem Parallelflur gebeten wurde.

Ich wurde von einem jungen Mann, aus dessen weißem Kittel ein Stethoskop ragte, empfangen." Setzen sie sich, Herr Reiser, ich habe noch ein paar Fragen an sie" meinte er, "Ihr Sohn ist zur Zeit noch nicht ansprechbar. Das kommt von der Injektion. Sie waren ja dabei, wie ich gehört habe."

"Mein Name ist übrigens Dr. Markus Wenz und ich bin der behandelnde Arzt".

"Was ist denn mit ihm los?", brach es aus mir heraus.

"Nun, das kann ich ihnen auch noch nicht genau sagen. Dazu muss ich mich zuerst mit ihrem Sohn unterhalten.

Sie Können mir allerdings im Vorfeld ein paar Informationen zukommen lassen. "

Während er sprach, füllte er einen Bogen Papier mit der Adresse Walters.

"Ist er das erste Mal in psychiatrischer Behandlung ?" fragte er.

"Ja, er hatte auch noch nie Grund dazu! Ich habe ihn noch nie so gesehen wie heute"

"Ist denn in letzter Zeit irgendwas außergewöhnliches passiert?. Hatten sie einen Todesfall in der Familie oder hatte er Partnerschaftsprobleme." ,

"Nichts von alledem, er hat ja gar keine Freundin. Hatte er noch nie!"

Während dem ganzen Gespräch machte er sich Notizen.

"Hat er sich denn in letzter Zeit verändert?" fragte er weiter.

"Ja, ich denke er ist selbstständiger geworden. Walter ist vor etwa einem Vierteljahr bei uns ausgezogen. Auch aus beruflichen Gründen."

Was heißt auch? Gab es Streit?

"Nein, nein, nicht mehr oder weniger als in einer Familie üblich. "

"Litt irgend jemand in ihrer oder der Familie ihrer Frau jemals an einer Geisteskrankheit ?"

"Da war es! Es traf mich unvorbereitet. Oder vielmehr, ich hatte es gefürchtet.

Geisteskrankheit ! Dieses Wort traf mich fast körperlich.

"Nein, nicht dass ich wüsste." , der Kloß im Hals löste sich langsam.

Walter war doch nicht verrückt, irre, meschugge oder wie man noch dazu sagt.. Es war lachhaft.

"Er hat auf mich den Eindruck gemacht, als stünde er unter Drogen", sagte ich schnell, wobei ich mir eingestehen musste, dass ich gar nicht wußte, wie es ist, wenn man unter Drogen stand.

"Nahm er denn welche?" kam die Frage von Dr. Wenz.

"Ich kann es mir nicht vorstellen, aber man weiß ja nie."

Nervös war er wohl in seiner letzten Zeit zu Hause, aber das hing wohl mit seinem Umzug zusammen.

"Wie hat sich das bemerkbar gemacht?"

"Nun, er war nicht mehr so konzentriert. Fahrig, vergaß öfter was als vorher, aber nichts schlimmes", meinte ich, "Ging auch nicht mehr so viel raus. Er hat viel Musik gehört. Er liebt Klassik, müssen sie wissen, für Jungen in dem Alter wohl nicht so üblich. Aber das war das einzige Unnormale an ihm."

Dr. Wenz faltete seinen Bogen zusammen.

" Herr Reiser, das war's eigentlich, was sie im Moment tun konnten. Ich denke es hat auch keinen Sinn wenn sie noch zu Besuch bleiben. Schauen sie am Besten gegen Abend noch mal rein. Vielleicht Können wir dann schon mehr sagen."

"Kann ich ihn noch mal kurz sehen, Herr Doktor?"

"Selbstverständlich", meinte er, bevor wir das Zimmer verließen.

Walter lag auf dem Rücken. Um seinen Bauch schlang sich circa 20 Zentimeter breites dickes Band das mit einem Magnetverschluss versehen war. Seine Hände und Unterschenkel waren links und rechts locker an dem eisernen Bettrahmen befestigt.

Er schien zu schlafen.

Unaufhörlich tropfte die 9 prozentige Kochsalzlösung durch den Infusionsschlauch in seine Venen.

Es war ein Bild des Jammers!

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Innerlich aufgeregt fuhr ich nach Koblenz zurück.

Lydia erwartete mich schon , in der Garageneinfahrt stehend. "Ist was passiert? War er zuhause?", brach es aus ihr heraus.

"Komm doch zuerst mal rein", versuchte ich sie zu beruhigen. "Ich muss ja nicht die ganze Strasse informieren", fügte ich hinzu und betrat die Wohnung.

"Es ist was passiert, ich wußte es", stammelte sie weinerlich, "ist er verunglückt"?

"Walter ist krank", begann ich behutsam, "er liegt in der Uniklinik in Bonn".

"Der Arzt meint er hätte eine Psychose, ist aber noch nicht ganz sicher".

Sie unterbrach mich.

"Was heißt Psychose, Walter ist doch nicht verrückt ! Wie kommen sie darauf? Was war denn los"?

Ich erzählte ihr alles und musste hilflos mit ansehen, wie sie in kopfschüttelnd in Tränen ausbrach. Sie schaute mich mit ihren verquollenen Augen an und fragte angstvoll: "Das wird doch wieder gut Jens? Das ist doch heilbar ! Sag mir dass es heilbar ist.

Als ich sie so sah, so verletzlich und ausgeliefert, dachte ich nur: Mein Gott, wie liebe ich sie. Ich würde ihr alles aus dem Weg räumen was wehtat. Dass dies nicht mehr in meiner Macht stand, wußte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Ich nahm sie in die Arme und drückte sie, während meine Nase den ihr eigenen Geruch ihrer Haare aufsog.

Plötzlich löste sie sich von mir und ihre Stimme wurde bestimmter, kämpferischer. "Ich muss zu ihm!" sagte sie.

Ich erklärte ihr noch mal die Situation und wir einigten uns darauf, gegen 18:00 Uhr zusammen nach Bonn zu fahren. Es war jetzt 14:30Uhr .

Sie erzählte mir, dass sie sich direkt nach meinem Anruf ins Auto gesetzt hatte und von Stuttgart nach Hause gefahren war. Hildegard, ihre Mutter, wollte zuerst auch mitkommen, aber das hatte sie ihr ausgeredet.

Nachdem ich im Betrieb angerufen hatte und um meine 8 Tage Resturlaub vom letzten Jahr bat, die ich auch bekommen hatte, wollten wir noch 2 Stunden schlafen um die Zeit zu überbrücken, aber es war natürlich nicht daran zu denken.

Ich hatte ihr nicht erzählt, dass sie ihn fixiert hatten. Ich wollte sie nicht noch mehr beunruhigen .

Gegen 17:30 Uhr hielt uns schließlich nichts mehr und wir fuhren los.

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"Er hat seit heute morgen nicht mehr gepinkelt" sagte Klaus Leitner beim Nachmittagskaffe. "Vera, da müssen wir drauf aufpassen, du weißt ja, Haldol kann einen Harnverhalt hervorrufen".

"Wenn er bis 17:00 Uhr noch keinen Urin abgelassen hat, verständigen wir den Arzt vom Dienst und lassen uns eine Einmalkathederiesierung ansetzen.", fügte er hinzu.

"Er ist ja erst 4 Stunden hier, jetzt schieß mal nicht mit Kanonen auf Spatzen", warf Theo, ein etwa 40jaehriges Teammitglied ein. Theo roch Arbeit, und das mochte er auf den Tod nicht leiden. Trotzdem war er zuverlässig und sie mochten ihn alle.

Harry Psalter, der Psychologe und Katrin Lieberknecht, die Sozialarbeiterin der Station, betraten den Raum.

"So schön wie ihr, müsste man es auch mal haben", foppte Harry und goß sich einen Kaffee ein.

Ein ohrenbetäubendes Scheppern war zu hören .

Wie von einer Tarantel gestochen, sprangen alle auf und rasten auf den Flur der Station.

Der neblige Schleier löste sich ganz allmählich auf. Er war müde, so unendlich müde. Er wollte sich auf die Seite drehen, aber irgend etwas hielt ihn fest. Sie hatten ihn gefangen !

Er konnte sich erinnern. Wie ein Film lief alles noch einmal vor ihm ab. Sie waren in seine Wohnung gekommen. Die Stimmen hatten ihn rechtzeitig gewarnt. Es waren Männer ohne Gesichter gewesen und er hatte sich gewehrt, aber sie waren stärker.

Dann sah er den Schlauch, der in seinem Unterarm stach und die Bänder mit dem sie ihn festgebunden hatten. Gleichzeitig hörte er die Stimmen wieder. Zuerst wie ein Flüstern und dann in der Lautstärke anschwellend.

"Du mußt hier raus! Zerreiß die Fesseln ! Versager, bleibe nicht ruhig liegen !"

Er begann seine Muskeln anzuspannen und an der Fixierung zu zerren. Der Infusionsständer stand in Reichweite seiner linken Hand nahe am Bett. Er ergriff ihn und gab ihm einen Stoß.

Der Ständer kippte und fiel mit der Infusionsflasche auf , einen neben dem Bett stehenden metallenen Nachttisch und wischte dabei ein auf dem Nachttisch stehendes Essentablett herunter. Es schepperte gewaltig, als das Plastikgeschirr auf den Boden krachte und sich ein Gemisch aus Tee, Kartoffelsalat,Käse- und Wurstscheiben auf den Boden ergoß. Er faßte den Schlauch und wollte ihn aus seinem Arm reißen, doch die Fixierung verhinderte dies.

Panik stieg in ihm auf. Er bäumte sich in seinem Bett auf, angestachelt von den Stimmen, die zu einem Geschrei geworden waren.

"Sie bringen Dich um! Du mußt raus! Sie bringen Dich um" dröhnte es.

Er fing an zu toben. Mit den Füßen schmetterte er das Bettbrett am Fußende quer durchs Zimmer und wand sich in der Fixierung wie ein wildes Tier. Seine Augen waren angstgeweitet.

Er merkte erst gar nicht, daß sie ins Zimmer gestürzt waren und ihn in die Laken zurückpressten. Erst als sie begannen auf ihn einzureden, mit diesen monotonen, falschen, ruhigen Stimmen versuchten ihn zu besänftigen, schrie er ihnen seinen Haß entgegen:

"Ihr Schweine! Macht mich sofort los! Ihr Drecksäue!"

Doch sie hielten ihn fest und redeten, redeten, redeten. Es hatte so keinen Sinn. Er mußte sie täuschen.

"Herr Reiser, beruhigen sie sich, es tut ihnen niemand was", redete Klaus Leiter auf den Patienten ein , während er mit eisernem Griff dessen Oberarm und Hand umspannte.

Ein Pulk seiner Mitarbeiter versuchte , den sich in einem akuten Erregungszustand befindlichen Patienten, der in der Fixierung tobte und sie beschimpfte, durch Festhalten der Extremitäten am Aufbäumen zu hindern.

"Sie brauchen keine Angst zu haben ", Herr Reiser, "sie sind im Krankenhaus. Wir werden ihnen helfen. Haben sie keine Angst! Wir mussten sie im Bett anbinden, zu ihrem und unserem Schutz, Herr Reiser", fuhr Klaus fort. "Bleiben sie bitte ruhig."

Trotz der körperlichen Anstrengung versuchte Klaus seiner Stimme einen beruhigenden Ton zu geben. Er redete und erklärte , obwohl er wußte, dass der Inhalt seiner Worte von dem jungen Mann nicht geordnet werden konnte.

In Hunderten dieser Situationen hatte er die Erfahrung gemacht, dass alleine die Präsenz einer ruhigen Sprache manchmal genügte um Aggressionen zu mildern und dass das Erklären des jeweiligen Tuns Ängste abbauen konnte.

Seine innere Erregung und eigene Angst mussten zurückstehen, wollte er seinen Job gut machen. Die Bewältigung dieses Stresses hatte bis später Zeit. Jetzt war er ganz konzentriert und bemerkte augenblicklich, als sich der Körper Walters etwas entspannte.

Vera hatte in der Zwischenzeit eine Ampulle Atosil aufgezogen, die die dazukommende Dr.Szondra intravenös injizierte.

Walter Reiser begann etwas ruhiger zu atmen und schloss schließlich nach etwa 5 Minuten die Augen. Er war eingeschlafen.

Klaus hielt die schweissverklebte Hand Walters noch, als dieser , ab und zu noch aufzuckend , etwas Ruhe fand. Er würde sich an solche Krisensituationen nie gewöhnen können. Er merkte wie ihm die Beine anfingen zu zittern und dieses bekannte Gefühl von Fahrigkeit und Leere in ihm aufstieg. Er zwang sich zu äußerlicher Ruhe und Gelassenheit, die seine Kollegen so bewunderten. Wenn sie wüßten, wie es in ihm aussah.

Er war sich bewusst darüber, dass er durch sein Verhalten, ein Stückchen Sicherheit, gerade bei den jüngeren Mitarbeitern seines Teams vermittelte und durfte sich, das hatte er sich geschworen, in dieser Beziehung keine Blöße geben.

Meistens versuchte er nach solchen Zwischenfällen mit sarkastischem Humor, der teilweise bis ins Tiefschwarze hinüberreichte die Erregung zu überspielen. So auch diesmal.

"Ich muss mir doch mal einen Holzhammer bei der Pflegedienstleitung bestellen. Dann haben wir das schneller im Griff , oder was meint du Theo?" warf er dem völlig außer Atem geratenem Theo Riedmann zu .

"Du bist bekloppt", meinte dieser nur mit einem huschenden Grinsen.

Die anderen saßen kreidebleich um den Tisch im Personalaufenthaltsraum und schwiegen sich erst mal an.

"Wir werden ihm zu seiner Medikation für die Nacht noch eine Tavor gegen die Ängste in die Infusion geben", ordnete Dr.Szondra in ihrem entzückenden polnischem Dialekt an.

Sie hatte den venösen Zugang vorher mit Schwester Vera bei Walter erneuert und trug jetzt ihre Anordnung in das Patientenblatt ein.

Mittlerweile war es 18 Uhr geworden. Sie mussten sich um ihre anderen Patienten kümmern.

 

Fortsetzung folgt...............

Viel Spaß beim Lesen wünscht euch Franz Deckarm.

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